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Bereits vier Monate vor Erscheinen wusste ich, dass ich dieses Buch lesen muss, und ich hatte eine sehr bestimmte Ahnung, dass ich es auch m&amp;#246;gen w&amp;#252;rde. »Bitter [...]</description> <content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://turmsegler.net/img/2010/monique_truong_s.jpg" alt="Monique Truong: »Bitter im Mund«, C.H.Beck 2010"/><br /> <small><strong><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Monique_Truong">Monique Truong</a></strong>: <a href="http://www.amazon.de/Bitter-im-Mund-Monique-Truong/dp/3406598382/">»Bitter im Mund«</a>, C.H.Beck 2010, Foto: &copy; <a href="http://www.marionettlinger.com/ ">Marion Ettlinger</a></small></p><p>&bull;&bull;&bull; Auf Monique Truongs neuen Roman <a href="http://www.amazon.de/Bitter-im-Mund-Monique-Truong/dp/3406598382/">»Bitter im Mund«</a> musste ich l&#228;nger warten, als mir lieb war.  Bereits vier Monate vor Erscheinen wusste ich, dass ich dieses Buch lesen muss, und ich hatte eine sehr bestimmte Ahnung, dass ich es auch m&#246;gen w&#252;rde. »Bitter im Mund« ist – wie <a href="http://turmsegler.net/die-leinwand/">»Die Leinwand«</a> im Verlag C.H.Beck erschienen, und aus diesem Grund konnte ich in der Verlagsvorschau, in der auch mein Buch angezeigt wurde, bereits den Klappentext zu Truongs neuem Roman lesen, als der noch nicht einmal fertig ins Deutsche &#252;bersetzt war.</p><blockquote><p>»Du w&#252;rdest unter dem zerbrechen, was ich &#252;ber dich wei&#223;, kleines M&#228;dchen.« Das sind die letzten Worte der Gro&#223;mutter Linda Hammericks, und es bleibt ihr &#252;berlassen, herauszufinden, was damit gemeint war. Linda, Mitte der Siebziger Jahre in Boiling Springs, North Carolina, aufgewachsen und heute in New York lebend, hat eine Gabe, die sie vom Rest der Familie unterscheidet. Sie kann W&#246;rter »schmecken«, und an diese besonderen Wahrnehmungen heften sich zugleich ihre Erinnerungen. Aber ihre fr&#252;he Kindheit liegt im Dunkeln, geblieben ist ihr nur ein bitterer Geschmack im Mund, den sie keinem bestimmten Wort zuordnen kann.</p></blockquote><p>Linda Hammerick ist die Erz&#228;hlerin dieser modernen S&#252;dstaatensaga; und Linda erz&#228;hlt sich selbst, beginnend mit ihrem siebten Lebensjahr. Ein »Davor« gibt es nur im Leben der anderen, ihrer nahen und entfernten Familienmitglieder. In ihrem eigenen Leben scheint es dieses »Davor« nicht zu geben. Und wenn Linda &#252;ber ihre Mutter DeAnne schreibt, sie sei allem Anschein nach bereits als 35-J&#228;hrige zur Welt gekommen, so kann man mit gleichem Recht annehmen, Linda h&#228;tte ihr Leben als Siebenj&#228;hrige begonnen. Ihr Gro&#223;onkel, den sie immer nur beim Kosenamen Baby Harper nennt, ist ein leidenschaftlicher Fotograf. Dass er selbst, da immer hinter der Kamera, nie auf den unz&#228;hligen Familienfotos auftaucht, berichtet Linda. Dass auch sie selbst auf keinem der von ihr beschriebenen Fotos zu sehen ist, obgleich der geliebte Gro&#223;onkel doch keine Gelegenheit ausgelassen haben d&#252;rfte, sie zu fotografieren, das hingegen spricht Linda nicht aus.</p><p>Was Linda erz&#228;hlt, ist die Geschichte einer in den S&#252;dstaaten verwurzelten Familie. Sie berichtet von drei Generationen, allesamt ehrbare wei&#223;e S&#252;dstaatler, Anw&#228;lte und sogar Richter, bei deren Charakterisierung man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, sie w&#228;ren allesamt noch h&#246;chstselbst als Landnehmer nach North Carolina gekommen, Ur-US-Amerikaner gewisserma&#223;en und so wei&#223;, dass sie die in Boiling Springs zweifellos ebenfalls lebenden »Schwarzen« nicht einmal wahrnehmen, geschweige denn, dass sich ihr Leben mit deren Leben kreuzen w&#252;rde – sieht man einmal vom Bitte-Danke an der Supermarktkasse ab.</p><p>Die Erz&#228;hlung setzt ein mit dem Tod der Gro&#223;mutter Iris, einer Frau, die die ebenso seltene wie unbequeme Eigenschaft besa&#223;, »immer die Wahrheit zu sagen«. Und »immer« meint hier tats&#228;chlich »immer«. Wenn Iris also auf dem Totenbett zu ihrer Enkelin den oben zitierten Satz spricht, kann kein Zweifel daran bestehen, dass tats&#228;chlich etwas geschehen sein muss, an das Linda sich nicht erinnern mag oder erinnern kann, und folgerichtig beginnt sie umgehend, ihre und die Vergangenheit der Familienmitglieder erz&#228;hlend zu durchforsten: Was nur k&#246;nnte Iris gemeint haben?</p><p>Hinweise auf eine Antwort finden sich jedoch weder in den &#252;ber 800 M&#228;dchenbriefen, die Linda &#252;ber Jahre mit dem Nachbarsm&#228;dchen Kelly getauscht hat, noch auf den Fotos in den Alben Baby Harpers. Ja, mit gerade einmal 11 Jahren muss Linda eine Vergewaltigung erdulden, durch einen Typen namens Bobby, ein Cousin Kellys, den Mutter DeAnne angeheuert hatte, um den Rasen rings um das blaue Ranchhaus zu m&#228;hen, in dem die Hammericks leben. DeAnne, mutma&#223;t Linda, h&#228;tte es auf diesen Bobby abgesehen gehabt und so ihre Tochter fahrl&#228;ssig dem »Kindersch&#228;nder« ausgeliefert, indem sie ihm sorglos gestatte, sich »im Haus die H&#228;nde zu waschen«. Bobby verstand etwas anderes darunter. Linda erz&#228;hlt aber niemandem davon. Iris konnte es, als sie ihren Orakelsatz sprach, unm&#246;glich gewusst haben. Und selbst Baby Harper erf&#228;hrt erst Jahre sp&#228;ter davon, an Lindas letztem Abend in Boiling Springs, dem Abend des Abschieds, dem Abend der Gest&#228;ndnisse, bevor sie abreist, um in Yale zu studieren.</p><p>Linda beschreibt im ersten Teil des Buches die Highschool- und College-Zeit mit den &#252;blichen Quarterback-Ken-und-Cheerleader-Barbie-Geschichten, einer langwierigen, heftigen Verliebtheit und und und… Alles ist so easy oder eben auch schwierig, wie Teenager-Sein nun einmal ist. Gelegentlich hat man den Eindruck, diese Biographie sei eine Art Abziehbild, schematische Blaupause  ungez&#228;hlter Hollywood-Filmdrehb&#252;cher. Nein, in all diesen Erz&#228;hlungen findet sich kein verwertbarer Hinweis auf jemanden oder etwas, das Gro&#223;mutter Iris‘ Satz rechtfertigen k&#246;nnte: »Du w&#252;rdest unter dem zerbrechen, was ich &#252;ber dich wei&#223;, kleines M&#228;dchen.«</p><p>Dennoch kann man nicht anders, als Monique Truong aufmerksam zu lauschen. Sie erz&#228;hlt technisch auf h&#246;chstem Niveau. Die Idee, Linda mit einem sechsten Sinn auszustatten, der sie W&#246;rter schmecken l&#228;sst, liefert immer wieder ganz wunderbare Erz&#228;hlfiguren, die ich genossen habe, und es ist ein Verdienst der &#220;bersetzung, dass sich der Zauber dieser Verbindung zwischen Wortbedeutung und Wortgeschmack auch im Deutschen mitteilt, etwa wenn Linda ihren Nachnamen »zerschmeckt«:</p><blockquote><p>Ich zog das »Ham« in die L&#228;nge, verweilte beim »me« und weichte das »rick« etwas auf. Ich wiederholte das Wort, und jedes Mal, wenn ich seine drei Silben langsam im Mund miteinander verband, stieg mir der kitzelnde Geschmack s&#252;&#223;er Lackritze mit einem Nachhall von Holzrauch in den Mund. Ein Phantomschluck Dr. Pepper. Auf dich, Iris.</p></blockquote><p>»Bitter im Mund« ist literarische <em>haute cuisine</em>. Ich habe dieses Buch nicht einfach nur gelesen, sondern Seite f&#252;r Seite <em>gegessen</em>, die Geschichte, die Worte <em>geschmeckt</em>. Truong ist eine Wortzauberin, eine Dichterin, die hier geschliffene, atmosph&#228;risch aufgeladene Prosa liefert. Besonders sympathisch empfand ich, wie liebevoll sie sich ihren Figuren n&#228;hert, selbst den problematischen wie etwa der des Vergewaltigers Bobby. Keine ihrer Figuren muss sich f&#252;rchten, von ihr erz&#228;hlt zu werden. Denunziation gibt es nicht.</p><p>Und dennoch: Auf Seite 120 etwa habe ich mich zum ersten Mal gefragt, ob – und wenn ja warum – diese Geschichten erz&#228;hlt werden mussten. Auf Seite 150 war ich sogar einmal versucht, trotz allen poetischen Vergn&#252;gens das Buch beiseite zu legen, aber ich blieb bei Linda … Und dass ich geduldig war, wurde belohnt.</p><p>Etwa in der Mitte des Buches berichtet Linda von ihrer Abschlussfeier in Yale, von dem Augenblick, als sie aufgerufen wird, um vor den Mitabsolventen ihres Jahrgangs ihr Diplom entgegenzunehmen.  Mit einem einzigen unscheinbaren Satz stellt Monique Truong alles bis dahin Erz&#228;hlte auf den Kopf, und von diesem Moment an hebt der Roman ab wie ein Jet. Kein Stein bleibt auf dem anderen, keine Figur bleibt, was sie zun&#228;chst zu sein schien, und eine Flut von »Enth&#252;llungen« (so der Titel des zweiten Teils des Buches) lassen &#252;ber dem zuvor erz&#228;hlten Abziehbild eine andere, eine heftige, schmerz- und verlustreiche Erinnerungslandschaft aufleuchten. Von alldem will ich nichts verraten. Den magischen Satz aber will ich zitieren:</p><blockquote><p>Linh-Dao Nguyen Hammerick<em>dr.pepper</em>, summa cum laude, Literatur<em>roastbeef</em> &#8230;</p></blockquote><p>So wird »Linda« aufgerufen. W&#228;hrend das Wort »mum« nach Schokoladenmilch schmeckt und »Linda« nach Minze, schmeckt »Linh-Dao Nguyen« nach … Ja, wonach? Es hinterl&#228;sst im Mund einen bitteren Geschmack.</p><p><small>Monique Truong, 1968 in Saigon geboren, kam mit sechs Jahren in die USA. Sie studierte an der Yale University und der Columbia University School of Law und arbeitete in einer namhaften New Yorker Anwaltskanzlei, wo sie sich auf Urheberrecht spezialisierte. Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien und wurde f&#252;r ihren ersten Roman <a href=“http://www.amazon.de/Das-Buch-Salz-Monique-Truong/dp/3596169933/“>»Das Buch vom Salz«</a>, der in viele Sprachen &#252;bersetzt wurde, u. a. mit dem Fiction Award des Bard College und dem Young Lions Award ausgezeichnet. Monique Truong lebt in New York. Ihr neuer Roman <a href="http://www.amazon.de/Bitter-im-Mund-Monique-Truong/dp/3406598382/">»Bitter im Mund«</a> (328 Seiten, 19,95 €) ist soeben in deutscher &#220;bersetzung bei C.H.Beck erschienen. Die englische Originalausgabe ist erst f&#252;r August 2010 angek&#252;ndigt.</small></p><p align="right">&copy; <strong><a href="http://turmsegler.net/tag/Benjamin-Stein">Benjamin Stein</a></strong> (2010)</p><div id="crp_related"><h4>Verwandte Beiträge:</h4><ul><li><a href="http://turmsegler.net/20071120/s-68-imaginiert/" rel="bookmark" class="crp_title">S != 68 (imaginiert)</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100311/lesezeichen-online/" rel="bookmark" class="crp_title">»LeseZeichen« online</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20070429/die-vitale-lekture/" rel="bookmark" class="crp_title">Die vitale Lekt&#252;re</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20081119/die-leinwand-expose/" rel="bookmark" class="crp_title">Die Leinwand &#8211; Exposé</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20080316/die-leinwand-z04/" rel="bookmark" class="crp_title">Die Leinwand (Z.04)</a></li></ul></div><p class="postmetadata">Im Rückspiegel:&nbsp;<a title="Reue und Buße (13. 03. 2009)" rel="bookmark" href="http://turmsegler.net/20090313/reue-und-busse/">Reue und Buße</a> (13. 03. 2009)</p><div class="feedflare">
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Michael Lentz, aus: »Offene Unruh« 100 Liebesgedichte &amp;#169; S. Fischer Verlag 2010 &amp;#8226;&amp;#8226;&amp;#8226; Das launige Gespr&amp;#228;ch &amp;#252;ber Liebe und Liebesgedichte zwischen Raoul Schrott und Michael Lentz bei der Aufzeichnung zu »Literatur im Foyer« letzten Dienstag war eine sehr sch&amp;#246;ne und pointierte Performance dieser beiden Routiniers. [...]</description> <content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.amazon.de/Offene-Unruh-Liebesgedichte-Michael-Lentz/dp/3100439260/"><img src="http://turmsegler.net/img/2010/lentz_offene_unruh_cover.jpg" alt="Michael Lentz: Offene Unruh, 100 Liebesgedichte, S. Fischer 2010" /></a></p><p>es gehe dir gut. h&#246;rt man.<br /> kaum zu glauben.<br /> die sonne scheint.<br /> k&#228;lter kann es nicht werden.</p><p align="right"><small><strong><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Lentz">Michael Lentz</a></strong>, aus: <a href="http://www.amazon.de/Offene-Unruh-Liebesgedichte-Michael-Lentz/dp/3100439260/">»Offene Unruh«</a><br /> 100 Liebesgedichte<br /> &copy; S. Fischer Verlag 2010</small></p><p>&bull;&bull;&bull; Das <a href="http://turmsegler.net/20100226/fernsehwoche/">launige Gespr&#228;ch &#252;ber Liebe und Liebesgedichte</a> zwischen Raoul Schrott und Michael Lentz bei der Aufzeichnung zu »Literatur im Foyer« letzten Dienstag war eine sehr sch&#246;ne und pointierte Performance dieser beiden Routiniers. Aber hat es wirklich dazu eingeladen, Michael Lentz&#8217; 100 Liebesgedichte zu lesen, die am 11. M&#228;rz unter dem Titel »Offene Unruh« bei S. Fischer erscheinen? Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich habe Kopfbetontes, Distanziertes, sogar Unterk&#252;hltes erwartet. Dank eines sehr ansprechenden <a href="http://www.faz.net/s/Rub623DDD92B4094D99B3AE3D31AC59B415/Tpl~Ecommon~SThemenseite.html">Features auf FAZ Online</a> konnte ich mich nun &#252;berzeugen, dass Lentz etwas ganz anderes liefert. Als Countdown zum Erscheinen pr&#228;sentiert die FAZ Michael Lentz und seinen neuen Gedichtband mit t&#228;glichen Videolesungen &#8211; ein Gedicht pro Tag. Und diese Gedichte machen nicht nur neugierig &#8211; sie packen, mich jedenfalls und nicht nur mich.</p><p>In ihrer Besprechung des Bandes (<a href="http://www.faz.net/s/Rub623DDD92B4094D99B3AE3D31AC59B415/Doc~E9CFDC2CF54F2489CAB483D2A046932BF~ATpl~Ecommon~Scontent.html">»Du musst die Liebe &#228;ndern«</a>) schreibt Felicitas von Lovenberg:</p><blockquote><p>Ob Beziehungen enden oder nie stattgefunden haben, Liebende versagen, Worte aneinander vorbeirasen, ist nebens&#228;chlich &#8211; hier wird nichts nacherz&#228;hlt oder gar lyrisch verarbeitet. Die Gedanken oder Erfahrungen, die es angesto&#223;en haben, sind f&#252;r den Leser nebens&#228;chlich, was z&#228;hlt, ist allein das Gedicht. Das Gef&#252;hl weicht schlie&#223;lich nicht, nur weil man es gerade nicht empfindet, im Gegenteil: Es bleibt deutlich. [...] »Offene Unruh«, das schon im Titel auf den Werkstattcharakter aller romantischen Liebe anspielt, ist das Werk eines Zweiflers und Skeptikers.</p></blockquote><p>Zweifel und Skepsis sind wesentliche Zutaten f&#252;r Literatur und &#8211; da Lyrik ja alles steigert &#8211; insbesondere f&#252;r Gedichte. Wenn Lentz »k&#252;hl« agiert, dann h&#246;chstens in der Wahl der Mittel. Unpr&#228;tenti&#246;s geht es zu, knapp, deutlich, oft &#252;berraschend. Man werfe nur einen Blick auf das oben zitierte Gedicht: Lentz&#8217; Sprache darin ist einfach. Da wird nichts poetisch hingetupft. Vier geradezu entkleidete Zeilen, Schlag auf Schlag. Was packt mich daran? Dass die Dichtung hier <em>zwischen den Zeilen</em> aufleuchtet, weil das Ausgesprochene so viel nicht Ausgesprochenes umfasst, indem es Imagination induziert, Erinnerung an die etlichen Wiederholungen dieser Situation des Wiederbegegnens nach einer Trennung, wie wohl jeder sie irgendwann einmal erlebt hat. Lentz spielt den Film nicht ab, sondern gibt lediglich das »Thema« vor, und es gelingt ihm, im Leser dessen ganz pers&#246;nliche Variante des Films ablaufen zu lassen. Chapeau!</p><p>Und &#252;brigens &#8230; hat mich v. Lovenbergs Besprechung der Lentz-Gedichte schlagartig mit dem Feuilleton wieder vers&#246;hnt, dessen steilen Thesen ich in den letzten Wochen ein wenig zu oft kopfsch&#252;ttelnd gegen&#252;berstand (nicht in eigener Sache, wohlgemerkt). Wenn Gedichte wie diese heute noch so warmherzig aufgenommen und so treffend wie selbst poetisch charakterisiert werden wie in dieser Besprechung, darf man wieder hoffen. Eine sch&#246;ne Wendung des Blattes. Danke.</p><div id="crp_related"><h4>Verwandte Beiträge:</h4><ul><li><a href="http://turmsegler.net/20100226/fernsehwoche/" rel="bookmark" class="crp_title">Fernsehwoche</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20061210/gebet/" rel="bookmark" class="crp_title">Gebet</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20070601/gastbeitrage-willkommen/" rel="bookmark" class="crp_title">Gastbeitr&#228;ge willkommen!</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20071015/anfangen-und-beenden/" rel="bookmark" class="crp_title">Anfangen und beenden</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20070604/timber/" rel="bookmark" class="crp_title">Timber</a></li></ul></div><p class="postmetadata">Im Rückspiegel:&nbsp;<a title="Write or Die (06. 03. 2009)" rel="bookmark" href="http://turmsegler.net/20090306/write-or-die/">Write or Die</a> (06. 03. 2009)</p><div class="feedflare">
<a href="http://feeds.feedburner.com/~ff/Turmsegler?a=LRZeGx5eXHc:2lD9mjDptWo:yIl2AUoC8zA"><img src="http://feeds.feedburner.com/~ff/Turmsegler?d=yIl2AUoC8zA" border="0"></img></a> <a href="http://feeds.feedburner.com/~ff/Turmsegler?a=LRZeGx5eXHc:2lD9mjDptWo:D7DqB2pKExk"><img src="http://feeds.feedburner.com/~ff/Turmsegler?i=LRZeGx5eXHc:2lD9mjDptWo:D7DqB2pKExk" border="0"></img></a>
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Hediger … translation always involves an encounter, if not a confrontation&amp;#8230; Rainer Kohlmayer in: »Der Literatur&amp;#252;bersetzer zwischen Original und Markt« 1 Herr Grau hat der befremdlichen Begegnung mit seiner Heimat im Institut f&amp;#252;r Kulturvermittlung und –f&amp;#246;rderung nach einigem Ringen etwas Positives abgewinnen k&amp;#246;nnen: Wenn, so fragt er sich, ich mich in meiner eigenen [...]</description> <content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://turmsegler.net/category/graupausen/">»Graupausen«</a> • Eine Gastkolumne von Markus A. Hediger</p><p align="right"><small><em>… translation always involves an encounter, if not a confrontation&#8230;</em><br /> <strong>Rainer Kohlmayer</strong><br /> in: <a href=”http://www.reference-global.com/doi/abs/10.1515/les.1988.33.4.145”>»Der Literatur&#252;bersetzer zwischen Original und Markt«</a></small></p><p><strong>1</strong><br /> Herr Grau hat der <a href=“http://turmsegler.net/20100226/herr-grau-wittert-heimatluft/“>befremdlichen Begegnung</a> mit seiner Heimat im Institut f&#252;r Kulturvermittlung und –f&#246;rderung nach einigem Ringen etwas Positives abgewinnen k&#246;nnen: Wenn, so fragt er sich, ich mich in meiner eigenen Heimat nicht mehr Zuhause f&#252;hle, bedeutet das nicht, dass ich mit meinem &#220;bersetzungsprojekt weiter vorangeschritten w&#228;re, als ich dachte? Bruanien und die Lebensart seiner Bewohner muss mir bereits ein bisschen ans Herz gewachsen sein, sonst h&#228;tte ich mich doch nicht wie ein Fremder auf heimischem Boden gef&#252;hlt? Dieser Befund ermutigt Herrn Grau, und voller Elan beschlie&#223;t er, seine &#220;bersetzung nun noch dezidierter – und vor allem systematisch &#8211; voranzutreiben.</p><p><strong>2</strong><br /> Eins ums andere, nimmt er sich vor, werde er von seiner Person auf Bruanesisch zu Papier bringen. Zuerst erstellt er eine Liste aller Eigenschaften und Aspekte, die ihm wichtig erscheinen und auch in der bruanesischen Version seiner Person nicht fehlen sollten. Die Liste ist nicht allzu lang, er wird, so hofft er, also nicht allzu lange mit seiner &#220;bersetzung besch&#228;ftigt sein. Drau&#223;en zieht eine Horde bruanesischer Fu&#223;ballfans vorbei, doch diesmal mag er sich dar&#252;ber nicht &#228;rgern. Herr Grau unterbricht sogar kurz seine Arbeit, tritt ans Fenster und winkt der lauten Meute freundlich anfeuernd zu. Diese gro&#223;z&#252;gige Geste hellt seine Stimmung noch zus&#228;tzlich etwas auf. Beschwingt schlie&#223;t Herr Grau das Fenster und kehrt an den Schreibtisch zur&#252;ck.</p><p><strong>3</strong><br /> Herr Grau hat es sich einfach vorgestellt: das, was in seinem Kopf an Gedanken vorhanden ist, eins zu eins ins Bruanesische &#252;bersetzen; f&#252;r jene W&#246;rter, f&#252;r die das Bruanesische keine deckungsgleiche Entsprechung bietet, einfach einen Ausdruck w&#228;hlen, der in etwa den urspr&#252;nglichen Sinn wiedergibt; f&#252;r jene Eigenschaften, die dem bruanesischen Geist und Empfinden fremd sind, sich in Gottes Namen eben die M&#252;he machen und sie so gut wie m&#246;glich be- oder umschreiben. Doch kaum hat Herr Grau den ersten Satz zu Papier gebracht, st&#246;&#223;t er auf ein unerwartetes Problem.</p><p><strong>4</strong><br /> Das Bruanesische kennt keine Haupt- und Neben-, sondern nur &#252;ber- und untergeordnete S&#228;tze. Was auf den ersten Blick wie ein harmloses terminologisches Problem aussieht, entpuppt sich bald als ein zutiefst verst&#246;rendes Dilemma.</p><p><strong>5</strong><br /> Er, der nicht gerne &#252;ber sich selbst spricht, hat es sich in seiner Muttersprache angew&#246;hnt, sich, sobald das Gespr&#228;ch zu pers&#246;nlich zu werden droht, in Nebens&#228;tze zu fl&#252;chten und dort ein Thema aufzugreifen, das die Aufmerksamkeit von ihm weg auf Nebens&#228;chliches lenkt, dieses in den Focus r&#252;ckt und so bald vergessen macht, worum es in dem Satz anf&#228;nglich &#252;berhaupt ging. Herr Grau rechtfertigte diese Taktik bislang damit, dass er ja nicht isoliert Bestand habe, sondern eingebettet sei in ein Ganzes, es wisse mittlerweile doch jeder Mensch, dass die Welt sich nicht um ihn drehe, sondern der Mensch sich mit der Welt, wozu also diese &#252;berbewertete Ichbezogenheit, es gibt schlie&#223;lich Wichtigeres zu verhandeln als das Schicksal eines Einzelnen.</p><p><strong>6</strong><br /> Ein untergeordneter Satz hingegen erlaubt nie, das ihm &#220;bergeordnete aus dem Blick zu verlieren. Egal, wie weit man sich von ihm auch entfernt, immer ragt es &#252;ber allem hinaus und macht es einem unm&#246;glich, aus seinem Schatten zu treten. So sieht sich Herr Grau pl&#246;tzlich gezwungen, &#252;ber sich selbst zu schreiben. Sein Name am Satzanfang, der nichts weiter h&#228;tte sein sollen als ein Anlass, sich von ihm zu entfernen, steht un&#252;bersehbar da und was auch immer Herr Grau zu Papier zu bringen versucht &#8211; alles f&#252;hrt ihn zu sich selbst zur&#252;ck. Verzweifelt versucht Herr Grau, sich zu entkommen, doch im Bruanesischen ist der untergeordnete vom &#252;bergeordneten Satz nicht einmal durch ein Komma getrennt, nichts also bietet diese Sprache, hinter dem er sich verstecken k&#246;nnte.</p><p><strong>7</strong><br /> Getrieben von seinem eigenen Schatten fl&#252;chtet Herr Grau Hals &#252;ber Kopf vor seinem eigenen Namen in den Satz hinein und es ist ihm bald egal ob er sich noch immer in den Strukturen des &#220;bergeordneten bewegt oder l&#228;ngst schon in untergeordneten Argumenten verl&#228;uft denn er hat nur die eine vage Vorstellung im Kopf die ihm Schutz in Form eines Verstecks verspricht welches er aber nicht zu finden imstande ist weil das Bruanesische eine Sprache der Offenlegung ist und sich zum Vertuschen anderer Mittel bedient mit denen Herr Grau aber nicht vertraut ist und es ist wie verhext wie er sich durch das Bruanesische immer wieder gezwungen sieht zu seinem Namen zur&#252;ckkehren als flatterten seine Gedanken wie Motten ums Licht&#8230; Nichts wie weg hier, denkt Herr Grau nach Luft schnappend und st&#252;rzt zur T&#252;r hinaus auf die Stra&#223;e.</p><p><strong>8</strong><br /> Hinaus auf die Stra&#223;e, wo er schlie&#223;lich v&#246;llig au&#223;er Atem zusammenbricht.</p><p><strong>9</strong><br /> Mit einer Sauerstoffmaske vor dem Gesicht kommt Herr Grau im Behandlungszimmer seines Arztes wieder zu sich. Doch noch ist er zu verwirrt, um auf die Fragen des Doktors eine klare Antwort geben zu k&#246;nnen. Erst als dieser ihm ein Beruhigungsmittel spritzt, gelingt es ihm, die Ursache seines Unwohlseins zu erkl&#228;ren. Da lacht der Arzt auf, greift sich ein Buch aus dem Regal und dr&#252;ckt ihm eine Bruanesische Grammatik in die Hand: Studieren Sie dieses Buch, Herr Grau. Sie werden sehen, dass wir Bruanier nicht g&#228;nzlich auf Kommas verzichten. Zwar sind, zugegeben, die Regeln f&#252;r deren Einsatz nicht sehr klar, um es gelinde auszudr&#252;cken, aber wir setzen doch jedes Mal eines, wenn uns die Luft auszugehen droht.</p><div id="crp_related"><h4>Verwandte Beiträge:</h4><ul><li><a href="http://turmsegler.net/20100210/herr-grau-uebersetzt/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau &#252;bersetzt</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100226/herr-grau-wittert-heimatluft/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau wittert Heimatluft</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100215/herr-grau-zerfaellt-zu-asche/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau zerf&#228;llt zu Asche</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100219/herr-graus-hoehenangst/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Graus H&#246;henangst</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100211/uebersetzte-identitaet/" rel="bookmark" class="crp_title">&#220;bersetzte Identit&#228;t</a></li></ul></div><p class="postmetadata">Im Rückspiegel:&nbsp;<a title="Write or Die (06. 03. 2009)" rel="bookmark" href="http://turmsegler.net/20090306/write-or-die/">Write or Die</a> (06. 03. 2009)</p><div class="feedflare">
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Die Streifz&#252;ge durch die Stadt, das Bier und vor allem die herzlichen Leute, denen ich begegnet bin, sind mir besser im Ged&#228;chtnis geblieben als die Seminarstunden, die ich zu bestreiten hatte.</p><p>Und da K&#246;ln eine coole Stadt ist, wundert es mich gar nicht, dass ausgerechnet dort ein Hochschulsender existiert, der t&#228;glich 24 Stunden Radioprogramm anbietet &#8211; zusammengestellt und bestritten von 80 ehrenamtlichen Nachwuchsjournalisten. <a href="http://www.koelncampus.com/">K&#246;lncampus</a> sendet in K&#246;ln auf der Frequenz 100.0 MHz, und das bereits seit April 2002. M&#246;glich gemacht haben das zwei Vereine: der Tr&#228;gerverein K&#246;lncampus e.V. und die Campus-Welle K&#246;ln e.V.</p><blockquote><p>K&#246;lncampus ist als gemeinsamer Radiosender der K&#246;lner Hochschulen und des K&#246;lner Studentenwerks eine der wichtigsten Informationsquellen f&#252;r hochschulbezogene Themen &#8211; von aktuellen Forschungsprojekten &#252;ber Service-Infos f&#252;r Studierende bis zu Berichten &#252;ber die vielf&#228;ltigen kulturellen Veranstaltungen. […]</p><p>Mit K&#246;lncampus bieten die K&#246;lner Hochschulen dar&#252;ber hinaus Studierenden die M&#246;glichkeit, ihr Wissen aus verschiedenen Fachrichtungen in der Praxis zu erproben &#8211; sowohl in den Redaktionen als auch in technischen, gestalterischen und organisatorischen Bereichen. Eigene Aus- und Fortbildungsprogramme sichern und steigern dabei die Qualit&#228;t des Programms. Viele der ehemaligen Redaktionsmitglieder von K&#246;lncampus arbeiten inzwischen als Moderatoren, Redakteure oder Freie Mitarbeiter bei &#246;ffentlich-rechtlichen und privaten Radiosendern und in verschiedenen Posten in anderen Medienunternehmen.</p></blockquote><p>Es versteht sich von selbst, dass ich gern zugesagt habe, als ich von K&#246;lncampus gebeten wurde, ein Telefon-Interview zur »Leinwand« zu geben, die in der zweiw&#246;chentlich ausgestrahlten Literatursendung »Seitenansicht« vorgestellt werden sollte.</p><p>Die Sendung lief bereits am Dienstag vor zwei Wochen. Die Redaktion hat mir jedoch freundlicherweise eine MP3-Datei f&#252;r den Turmsegler-Podcast zur Verf&#252;gung gestellt. Das &#8211; muss ich einr&#228;umen &#8211; w&#252;rde K&#246;lncampus noch cooler machen: Podcasts der regelm&#228;&#223;igen Sendungen, abonnierbar &#252;ber die Website des Senders und/oder via iTunes. Vielleicht findet sich ein findiger Medienstudent, der das mal in Angriff nimmt. Oder habe ich da lediglich etwas &#252;bersehen?</p><p><small>Eva Wormit in »Seitenansicht« auf K&#246;lncampus</small></p><div id="crp_related"><h4>Verwandte Beiträge:</h4><ul><li><a href="http://turmsegler.net/20071015/anfangen-und-beenden/" rel="bookmark" class="crp_title">Anfangen und beenden</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20081130/fernsehen-mit-elke/" rel="bookmark" class="crp_title">Fernsehen mit Elke</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20080825/wir-blieben/" rel="bookmark" class="crp_title">Wir blieben</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20090114/literaturvorlesungen-als-podcast/" rel="bookmark" class="crp_title">Literaturvorlesungen als Podcast</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20080716/es-will-mir-nicht-einfallen/" rel="bookmark" class="crp_title">Es will mir nicht einfallen</a></li></ul></div><p class="postmetadata">Im Rückspiegel:&nbsp;<a title="…und berührte ihn nur mit den Fingern am Nacken (04. 03. 2009)" rel="bookmark" href="http://turmsegler.net/20090304/und-beruehrte-ihn-nur-mit-den-fingern-am-nacken/">…und berührte ihn nur mit den Fingern am Nacken</a> (04. 03. 2009)</p><div class="feedflare">
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Hediger&amp;#8230; translation always involves a whole series of transformations that reach well beyond the purely linguistic dimension to reflect a different view of the world. &amp;#8230; Joanna Nowicki, Michaël Oustinoff in: »Translation and Globalisation«1 Bis tief in jede Nacht hinein ziehen Bruanier schwatzend, lachend, manchmal singend unter Herrn Graus Schlafzimmerfenster vorbei. [...]</description> <content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://turmsegler.net/category/graupausen/">»Graupausen«</a> • Eine Gastkolumne von Markus A. Hediger</p><p><small><p align="right"><em>&#8230; translation always involves a whole series of transformations that reach well beyond the purely linguistic dimension to reflect a different view of the world. &#8230;</em><br /> <strong>Joanna Nowicki, Michaël Oustinoff</strong><br /> in: <a href="http://www.wolton.cnrs.fr/EN/hermes/ouvrages/h49_en.html">»Translation and Globalisation«</a></p><p></small></p><p><strong>1</strong><br /> Bis tief in jede Nacht hinein ziehen Bruanier schwatzend, lachend, manchmal singend unter Herrn Graus Schlafzimmerfenster vorbei. Abend f&#252;r Abend liegt er in seinem Bett und versucht, einen sauberen, klaren Gedanken zu fassen. Nichts ruft den Schlaf schneller herbei als ein aufger&#228;umter Geist und eine Seele, die mit sich im Reinen ist. Der L&#228;rm aber, der von der Stra&#223;e durch die geschlossenen Fenster in sein Zimmer dringt, lenkt ihn ab, bringt ihn auf andere Gedanken, andauernd. In seinem Kopf sieht’s aus, als habe da einer als Kind nie gelernt, sein Zimmer aufzur&#228;umen.</p><p><strong>2</strong><br /> Nach einer unruhigen, von unordentlichen Tr&#228;umen durchr&#252;ttelten Nacht sind es in den fr&#252;hen Morgenstunden dann Hupen und Sirenen, die ihn aus dem Schlaf rei&#223;en, heulende Vorboten eines L&#228;rms, der ihn den ganzen Tag hindurch begleiten wird. M&#252;de richtet Herr Grau sich auf. Auf der Bettkante kauernd, versucht er sich zu erinnern, wie er trotz allem in den Schlaf hat finden k&#246;nnen, doch da f&#228;llt sein Blick auf die achtlos &#252;ber eine Stuhllehne geworfene Kleidung des Vortags, dann auf die Kommode, auf der sich Zettel, M&#252;nzen, B&#252;cher, eine Zahnb&#252;rste und eine leere Kekspackung den Platz streitig machen.</p><p><strong>3</strong><br /> Herr Grau kennt sich als ordnungsliebenden Menschen. Das Durcheinander in seinem eigenen Zimmer befremdet selbst ihn und bringt ihn ins Gr&#252;beln. Es ist, als l&#228;ge der L&#228;rm nicht nur in der Luft.</p><p><strong>4</strong><br /> Er ist es, der die Menschen antreibt, sie auf den B&#252;rgersteigen vor sich hertreibt und &#252;ber die Strassen wirbelt, immer hart aneinander vorbei, manchmal auch zueinander, einander in die F&#228;uste, einander in die Arme. Und diese Bewegung, die er bewirkt, erzeugt wiederum ihren eigenen L&#228;rm, als m&#252;ssten die rastlosen K&#246;rper sich Luft verschaffen, Rufe hier, ein Lachen da, dort eine Schimpftirade und in unmittelbarer N&#228;he jemand, der das nicht auf sich sitzen lassen mag.</p><p><strong>5</strong><br /> Herr Grau wird von einem Mann in dunklem Anzug durch eine Glast&#252;r hindurch kurz gemustert, dann gleitet die T&#252;r auf und hinter Herrn Grau lautlos wieder zu. Dann &#246;ffnet sich eine zweite T&#252;r, und Herr Grau ist daheim.</p><p><strong>6</strong><br /> Das Institut f&#252;r Kulturvermittlung und –f&#246;rderung seines Heimatlandes in Bruanien – es verk&#246;rpert alles, was Herr Grau an sich selbst so sch&#228;tzt: ruhig ist es hier, so still, dass nichts sich bewegen muss. Herr Grau selbst setzt nur vorsichtig einen Fu&#223; vor den anderen, z&#246;gernd und widerwillig beinah, aus Angst, seine Bewegung k&#246;nnte einem Ger&#228;usch Anlass geben, sich aus der Stille zu l&#246;sen. &#196;ngstlich beh&#228;lt er die B&#252;chergestelle im Auge, die an den W&#228;nden stehen. Bei jedem noch so leisen Quietschen seiner Schuhsolen auf dem blitzblanken Laminatboden zuckt er zusammen, als f&#252;rchtete er, damit die wohltuende Ordnung aus ihrem Schlaf zu schrecken. Doch keines der B&#252;cher r&#252;hrt sich von seinem Platz.</p><p><strong>7</strong><br /> Dann entdeckt Herr Grau andere Gestalten, die lautlos herumstehen, junge Menschen meist, die hier ihren kulturellen Hunger stillen. Herr Grau ist angenehm &#252;berrascht: es sind Bruanier, die sich auff&#252;hren wie seine Landsleute. Er l&#228;chelt und nickt zum Gru&#223;, da wirft ihm eine junge Frau einen vernichtenden Blick zu: Sei still! bedeutet sie ihm.</p><p><strong>8</strong><br /> Herr Grau h&#228;lt den Atem an, verl&#228;sst fluchtartig seine Heimat und atmet befreit auf, als er wieder auf der Stra&#223;e steht.</p><div id="crp_related"><h4>Verwandte Beiträge:</h4><ul><li><a href="http://turmsegler.net/20100305/herr-grau-schnappt-nach-luft/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau schnappt nach Luft</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100219/herr-graus-hoehenangst/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Graus H&#246;henangst</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100210/herr-grau-uebersetzt/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau &#252;bersetzt</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100215/herr-grau-zerfaellt-zu-asche/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau zerf&#228;llt zu Asche</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100211/uebersetzte-identitaet/" rel="bookmark" class="crp_title">&#220;bersetzte Identit&#228;t</a></li></ul></div><p class="postmetadata">Im Rückspiegel:&nbsp;<a title="At Work (26. 02. 2009)" rel="bookmark" href="http://turmsegler.net/20090226/at-work/">At Work</a> (26. 02. 2009)</p><div class="feedflare">
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Theory &amp;#38; Text  Analysis« (Word-Datei)1 Die vom Arzt verordnete Nackenmassage hat Herrn Grau gut getan. Noch immer sp&amp;#252;rt er die kr&amp;#228;ftigen aber geschmeidigen H&amp;#228;nde des Physiotherapeuten auf seinen verh&amp;#228;rteten Muskeln. Wie er da b&amp;#228;uchlings auf dem Schragen lag und durchgewalkt [...]</description> <content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://turmsegler.net/category/graupausen/">»Graupausen«</a> • Eine Gastkolumne von Markus A. Hediger</p><p><small><p align="right"><em>&#8230; Translation always involves cultural translation.</em><br /> <strong>Cristina Ungureanu</strong><br /> in: <a href="http://idd.uab.ro/reviste_recunoscute/philologica/philologica_2004_tom2/65.doc">»Equivalence. Theory &amp; Text  Analysis« (Word-Datei)</a></p><p></small></p><p><strong>1</strong><br /> Die vom Arzt verordnete Nackenmassage hat Herrn Grau gut getan. Noch immer sp&#252;rt er die kr&#228;ftigen aber geschmeidigen H&#228;nde des Physiotherapeuten auf seinen verh&#228;rteten Muskeln. Wie er da b&#228;uchlings auf dem Schragen lag und durchgewalkt wurde – die blo&#223;e Erinnerung daran jagt ihm einen wohligen Schauer vom Nacken bis ins Stei&#223;bein hinab. Es entgeht ihm auch nicht, dass er Geringf&#252;gigkeiten, an denen er sich bislang immer st&#246;rte, jetzt gelassener hinnimmt. Nur um ein Beispiel zu nennen: Seit seiner Ankunft in Bruanien hat er sich wegen seiner ins Farblose gehenden Haut unwohl gef&#252;hlt und sie daf&#252;r verantwortlich gemacht, dass er keinen Anschluss zu den Einheimischen fand. Ihretwegen erkannte man in ihm sofort einen Fremden.</p><p><strong>2</strong><br /> Seit der Massage hat seine Haut einen Stich ins Rosige hinzugewonnen. Nicht, dass das der Neugierde der Bruanier einen Abbruch t&#228;te. Verl&#228;sst er f&#252;r Besorgungen die Wohnung, zieht er nach wie vor die Blicke auf sich. Aber jetzt st&#246;rt er sich nicht l&#228;nger daran. Sollen sie doch gaffen, denkt Herr Grau grimmig. Macht das doch gerade eine gute &#220;bersetzung aus: dass darin das Original nicht zu einer Kopie verkommt.</p><p><strong>3</strong><br /> &#220;brigens, ruft er sich in Erinnerung, w&#228;hrend er sich zu Fu&#223; auf dem Weg ins Stadtzentrum macht, h&#228;tte es auch viel schlimmer kommen k&#246;nnen. Es soll ja Kulturen geben, denen grundlegende Werte, wie sie jede Zivilisation kennt, v&#246;llig fremd sind. Herr Grau, zum Beispiel, leidet unter einer besonders ausgepr&#228;gten Form von H&#246;henangst. Panik erfasst ihn nicht nur, wenn er auf den Balkon hinaustritt oder einen dieser modernen gl&#228;sernen Fahrst&#252;hle besteigt, er versp&#252;rt den Sog der Tiefe selbst dann, wenn er mit beiden F&#252;ssen auf dem Boden steht und in die H&#246;he blickt. Es ist ein &#228;u&#223;erst unangenehmes Gef&#252;hl, das ihn dann &#252;berkommt, eine Mischung aus Schwindel und Atemnot, Herzrasen und Brustklemmen, weshalb er jeden Blick hinauf in den Himmel vermeidet.</p><p><strong>4</strong><br /> Die Schicksalsschl&#228;ge, die Herrn Grau aus seiner Heimat vertrieben, kamen alle aus heiterem Himmel. Noch heute kann er sich nicht erkl&#228;ren, womit er das verdient haben k&#246;nnte, was er sich h&#228;tte zuschulden kommen lassen haben, um eine solche Strafe zu verdienen. Wie um ihn nicht vergessen zu lassen, dass es M&#228;chte gibt, die gr&#246;&#223;er sind als er, schiebt der Himmel sich seither un&#252;bersehbar in jeden noch so schmalen Spalt, der sich zwischen den Wolkenkratzern auftut, spiegelt sich in B&#252;rofenstern und Windschutzscheiben und reflektiert sich in der Farbe des Meeres.</p><p><strong>5</strong><br /> Der gesenkte Blick ist Herrn Grau so sehr in Fleisch und Blut &#252;bergegangen, dass er sich anders gar nicht mehr sehen kann.</p><p><strong>6</strong><br /> Der Versuch, sich einer Kultur verst&#228;ndlich zu machen, die keinen Blick f&#252;r die Bedrohungen hat, die vom Himmel ausgehen, w&#228;re von Vornherein zum Scheitern verurteilt. Doch zu Herrn Graus Gl&#252;ck sind die Bruanier ein religi&#246;ses Volk und mit den Gefahren des &#220;berirdischen wohlvertraut.</p><p><strong>7</strong><br /> Je n&#228;her Herr Grau dem Stadtzentrum kommt, desto &#246;fter muss er den improvisierten Verkaufsst&#228;nden fliegender H&#228;ndler ausweichen, die ihre billige Ware illegal auf den B&#252;rgersteigen an den Mann zu bringen versuchen. Auch wenn die Hindernisse unvermittelt in sein auf ein Fleckchen Boden beschr&#228;nktes Blickfeld treten und ihn zu abrupten Ausweichman&#246;vern zwingen, l&#228;sst er sich heute nicht aus der Ruhe bringen, zumal sein Nacken nach der heutigen Massage die pl&#246;tzlichen Richtungswechsel ohne Aufmucken wegsteckt.</p><p><strong>8</strong><br /> Gerade noch rechtzeitig springt Herr Grau zur Seite. Fast w&#228;re er mit einem dieser Verk&#228;ufer kollidiert. Gl&#252;ck gehabt! atmet Herr Grau auf und will weiter. Doch da steht der Verk&#228;ufer wieder vor ihm, redet auf ihn ein und zeigt dabei immer wieder zum Himmel hinauf. Wiederholt versucht Herr Grau ihm klarzumachen, dass er nicht in Kaufstimmung sei, der Verk&#228;ufer aber will sich mit einem Nein nicht abfinden. Herr Grau bem&#252;ht sich, die Fassung nicht zu verlieren. Als der Verk&#228;ufer aber den in den Himmel gereckten Finger senkt und Herrn Grau damit auf die Stirn tippt, platzt diesem der Kragen. Dass er Ausl&#228;nder sei, bedeute noch lange nicht, dass er auch bereit sei, sein Geld zu verschleudern! f&#228;hrt er den Verk&#228;ufer an und schl&#228;gt ihm die Sonnencréme aus der Hand.</p><div id="crp_related"><h4>Verwandte Beiträge:</h4><ul><li><a href="http://turmsegler.net/20100226/herr-grau-wittert-heimatluft/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau wittert Heimatluft</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100210/herr-grau-uebersetzt/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau &#252;bersetzt</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100215/herr-grau-zerfaellt-zu-asche/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau zerf&#228;llt zu Asche</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100305/herr-grau-schnappt-nach-luft/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau schnappt nach Luft</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100211/uebersetzte-identitaet/" rel="bookmark" class="crp_title">&#220;bersetzte Identit&#228;t</a></li></ul></div><p class="postmetadata">Im Rückspiegel:&nbsp;<a title="Sterbende Sprachen (19. 02. 2009)" rel="bookmark" href="http://turmsegler.net/20090219/sterbende-sprachen/">Sterbende Sprachen</a> (19. 02. 2009)</p><div class="feedflare">
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Seit gestern lese ich in Calvinos »Die unsichtbaren St&amp;#228;dte«, und zwar in der Hanser-Neu&amp;#252;bersetzung von Burkhart Kroeber (die &amp;#220;bersetzerangabe bei amazon ist falsch). Das Buch besteht aus fiktiven St&amp;#228;dteportr&amp;#228;ts in Form von Prosagedichten. »Marco Polo, der gro&amp;#223;e venezianische Asien-Reisende im sp&amp;#228;ten 13. Jahrhundert, berichtet [...]</description> <content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://turmsegler.net/img/2010/calvino.jpg" alt="Italo Calvino" /><br /> <small><strong><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Italo_Calvino">Italo Calvino</a></strong> (1923-1985)</small></p><p>&bull;&bull;&bull; &#220;ber einen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Die_unsichtbaren_St%C3%A4dte">Wikipedia-Artikel</a> bin ich auf ein Juwel gesto&#223;en. Seit gestern lese ich in Calvinos <a href="http://www.amazon.de/Die-unsichtbaren-St&#228;dte-Italo-Calvino/dp/3423104139/">»Die unsichtbaren St&#228;dte«</a>, und zwar in der Hanser-Neu&#252;bersetzung von Burkhart Kroeber (die &#220;bersetzerangabe bei amazon ist falsch).</p><p>Das Buch besteht aus fiktiven St&#228;dteportr&#228;ts in Form von Prosagedichten. »<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Marco_Polo">Marco Polo</a>, der gro&#223;e venezianische Asien-Reisende im sp&#228;ten 13. Jahrhundert, berichtet dem alternden Mongolenherrscher <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kublai_Khan">Kublai Khan</a>, Begr&#252;nder der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Yuan-Dynastie">Yuan-Dynastie</a> und somit Kaiser von China, an lauschigen Abenden in dessen Palast zu Kambaluk (= Peking), in welche St&#228;dte er auf seinen Inspektionsreisen durch das weitl&#228;ufige Reich gekommen ist.«</p><p>Wenn Calvino hier Marco Polo als Erz&#228;hler bem&#252;ht, bedeutet dies jedoch nicht, dass wir uns, diese unsichtbaren St&#228;dte entdeckend, wirklich im 13. Jahrhundert bef&#228;nden. M&#228;dchen, die Pumas an der Leine spazierenf&#252;hren, kommen ebenso vor wie Segelschiffe, orientalische Basare, aber eben auch Wolkenkratzer, auf deren D&#228;chern Lebensm&#252;de sich zum Sprung vorbereiten.</p><p>Viele der 55 St&#228;dteportr&#228;ts tragen gleiche Titel, etwa »Die Stadt und die Zeichen« oder »Die Stadt und die Erinnerung«. Es sind poetische Et&#252;den, Variationen &#252;ber oft gleiche Themen wie eben Erinnerung, W&#252;nsche oder Zeichen &#8211; Verkehrsschilder und andere Dinge, die selbst etwas sind und doch auf etwas anderes weisen. Ein Perlenbuch, das man auf irgendeiner Seite aufschlagen und loslesen kann. Man findet &#252;berall etwas, woran Imagination und Assoziationslust h&#228;ngenbleiben.</p><p>Da hei&#223;t es etwa &#252;ber W&#252;nsche im Portr&#228;t der Stadt Anastasia:</p><blockquote><p>Wenn du acht Stunden am Tag als Achat-, Onyx- oder Chrysoprasschneider arbeitest, nimmt deine M&#252;he, die dem Wunsch Form gibt, selber die Form des Wunsches an, und du glaubst, &#252;ber ganz Anastasia zu verf&#252;gen, w&#228;hrend du nichts anderes bist als ihr Sklave.</p></blockquote><p>Bei solchen poetischen Werken ohne eigentliche Handlung darf man ja straflos &#8211; was ich zu gern mache &#8211; die letzten Zeilen zuerst lesen. Sie haben es in sich:</p><blockquote><p><em>Er [Kublai] sagt: »Es ist alles vergebens, wenn der letzte Anlegeplatz nur die H&#246;llenstadt sein kann und die Str&#246;mung uns in einer immer engeren Spirale dort hinunterzieht.«</em></p><p><em>Darauf Polo: »Die H&#246;lle der Lebenden ist nicht etwas, das erst noch kommen wird. Wenn es eine gibt, ist es die, die schon da ist, die H&#246;lle, in der wir jeden Tag leben, die wir durch unser Zusammensein bilden. Es gibt zwei Arten, nicht unter ihr zu leiden. Die erste f&#228;llt vielen leicht: die H&#246;lle zu akzeptieren und so sehr Teil von ihr zu werden, da&#223; man sie nicht mehr sieht. Die zweite ist riskant und verlangt st&#228;ndige Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft: zu suchen und erkennen zu lernen, wer und was inmitten der H&#246;lle nicht H&#246;lle ist, und ihm Dauer und Raum zu geben.«</em></p></blockquote><p>In diesem Buch werde ich wohl &#8211; mit Unterbrechungen &#8211; lange lesen.</p><div id="crp_related"><h4>Verwandte Beiträge:</h4><ul><li><a href="http://turmsegler.net/20071015/anfangen-und-beenden/" rel="bookmark" class="crp_title">Anfangen und beenden</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20070429/die-vitale-lekture/" rel="bookmark" class="crp_title">Die vitale Lekt&#252;re</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20080724/gestern-wurde-es-sehr-spaet/" rel="bookmark" class="crp_title">Gestern wurde es sehr sp&#228;t</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20071130/grosse-wasser/" rel="bookmark" class="crp_title">gro&#223;e wasser</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20090923/google-im-espresso/" rel="bookmark" class="crp_title">Google im Espresso</a></li></ul></div><p class="postmetadata">Im Rückspiegel:&nbsp;<a title="Sterbende Sprachen (19. 02. 2009)" rel="bookmark" href="http://turmsegler.net/20090219/sterbende-sprachen/">Sterbende Sprachen</a> (19. 02. 2009)</p><div class="feedflare">
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Hediger &amp;#8230; translation always involves hindrances &amp;#8230; Adel Salem Bahameed in: »Arabic-English Intercultural Translation« 1 Seit Herr Grau den Entschluss gefasst hat, die &amp;#220;bersetzung seines Ichs voranzutreiben, ertappt er sich vermehrt dabei, wie er sich w&amp;#252;nscht, es h&amp;#228;tte ihn nicht nach Bruanien, sondern in ein anderes Land verschlagen. Zum wiederholten Mal ist es [...]</description> <content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://turmsegler.net/category/graupausen/">»Graupausen«</a> • Eine Gastkolumne von Markus A. Hediger</p><p align="right"><small><em>&#8230; translation always involves hindrances &#8230;</em><br /> <strong>Adel Salem Bahameed</strong><br /> in: <a href="http://accurapid.com/journal/43culture.htm">»Arabic-English Intercultural Translation«</a></small></p><p><strong>1</strong><br /> Seit Herr Grau den Entschluss gefasst hat, die &#220;bersetzung seines Ichs voranzutreiben, ertappt er sich vermehrt dabei, wie er sich w&#252;nscht, es h&#228;tte ihn nicht nach Bruanien, sondern in ein anderes Land verschlagen. Zum wiederholten Mal ist es ihm jetzt schon passiert, dass er eine seiner Eigenschaften in die Landessprache &#252;bertragen wollte und sich pl&#246;tzlich um Aspekte erweitert sah, in denen er sich nicht wiedererkannte.</p><p><strong>2</strong><br /> Die Bruanier sind nicht das fr&#246;hliche, ausgelassene, gastfreundliche Volk, f&#252;r das alle Welt sie h&#228;lt. Gegen&#252;ber Fremden sind sie oft misstrauisch, abweisend, manchmal geradezu feindselig. Herr Grau wei&#223; ein Lied davon zu singen. Aber hinter dem bruanischen Argwohn versteckt sich doch eine Art Neugier, die bisweilen durchbricht. Als Herr Grau eines hartn&#228;ckigen Nackenleidens wegen zum Arzt muss, meint dessen Assistentin, w&#228;hrend sie mit ernster Miene seine Personalien in die frisch angelegte Krankenakte eintr&#228;gt: Ausl&#228;nder h&#228;tten doch diese merkw&#252;rdige Angewohnheit, Namen nicht nur ihres Klanges wegen zu tragen, sondern weil sie mit ihm etwas bedeuten wollten. Ob sie fragen d&#252;rfe, was es mit Herrn Graus Namen f&#252;r eine Bewandtnis habe?</p><p><strong>3</strong><br /> Bruanier lieben das Zweideutige. Hinter allem vermuten sie einen zweiten Sinn und, um an dieses Verborgene heranzukommen, verdrehen sie einem das Wort im Mund, entfernen oder f&#252;gen Buchstaben hinzu, oder nehmen es und verwenden es in einem unzul&#228;ssigen, weil daf&#252;r nicht vorgesehenen Kontext. Herr Grau h&#228;tte daran denken m&#252;ssen, so gut beherrscht er das Bruanesische ja bereits, er h&#228;tte es wissen m&#252;ssen, und schlagartig wird er daran erinnert, als die Assistentin, kaum hat er ihr die gew&#252;nschte &#220;bersetzung geliefert, die Augen niederschl&#228;gt. Sogar etwas Blut steigt ihr ins Gesicht, als sie, sch&#252;chtern zwar aber doch so laut, dass man es selbst im Wartezimmer nebenan noch h&#246;ren kann, fragt: »Brauchen Sie einen Aschenbecher?«</p><p><strong>4</strong><br /> Herr Grau f&#252;hlt sich auf den Arm genommen, in seiner Fremdheit blo&#223;gestellt, der L&#228;cherlichkeit preisgegeben. Blau&#228;ugig ist er der Assistentin in die Falle gegangen, als h&#228;tte er nicht gewusst, dass sein Name im Bruanesischen nicht nur einen Farbton bezeichnet, sondern dass man ihn sich auch als Zeichen der Bu&#223;e aufs Haupt streut! Herr Grau f&#252;hlt sich ertappt, hintergangen, verraten. Gleichzeitig &#252;berf&#228;llt ihn ein Gef&#252;hl von Unterlegenheit, die er seiner mangelnden Vertrautheit mit der bruanesischen Sprache zuschreibt. Vollkommen hilflos kommt er sich vor angesichts der Grobheiten einer Sprache, in die er sich doch hat einf&#252;gen wollen. So dankt man ihm also seinen guten Willen! Wie hat er nur so naiv sein k&#246;nnen! Wie hat er blo&#223; auch nur einen unbedarften Augenblick lang annehmen k&#246;nnen, dass seine Gutgl&#228;ubigkeit nicht missbraucht w&#252;rde! Asche? Ja, zum Teufel, denkt er bitter. Asche auf mein Haupt! Ich habe es nicht anders verdient.</p><p><strong>5</strong><br /> Dass Wortspiele und selbst Kalauer die innersten Beweggr&#252;nde einer Sprache offenzulegen imstande sind und dass sie nicht nur B&#246;ses im Schilde f&#252;hren, sondern manchmal einfach nur spielen wollen und bisweilen sogar die heiteren Beweggr&#252;nde eines Herzens offenbaren &#8211; auf diesen Gedanken kommt Herr Grau nicht. Dazu h&#228;tte er genauer hinh&#246;ren und den Gestank erkalteten Zigarettenrauchs, den das Bild des Aschenbechers in ihm aufsteigen lie&#223;, f&#252;r einen kurzen Moment wegblasen m&#252;ssen.</p><p><strong>6</strong><br /> Als Herr Grau unter dem Gel&#228;chter der wartenden Patienten und mit hochrotem Kopf und steifem Nacken das Behandlungszimmer betritt, meint der Arzt mit einem Schmunzeln: Wie ich h&#246;re, hat meine Assistentin Gefallen an Ihnen gefunden.</p><div id="crp_related"><h4>Verwandte Beiträge:</h4><ul><li><a href="http://turmsegler.net/20100305/herr-grau-schnappt-nach-luft/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau schnappt nach Luft</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100210/herr-grau-uebersetzt/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau &#252;bersetzt</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100219/herr-graus-hoehenangst/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Graus H&#246;henangst</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100226/herr-grau-wittert-heimatluft/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau wittert Heimatluft</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100211/uebersetzte-identitaet/" rel="bookmark" class="crp_title">&#220;bersetzte Identit&#228;t</a></li></ul></div><p class="postmetadata">Im Rückspiegel:&nbsp;<a title="14 Arten, den Regen zu beschreiben (15. 02. 2009)" rel="bookmark" href="http://turmsegler.net/20090215/14-arten-den-regen-zu-beschreiben/">14 Arten, den Regen zu beschreiben</a> (15. 02. 2009)</p><div class="feedflare">
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Hediger]]></category><guid isPermaLink="false">http://turmsegler.net/?p=4493</guid> <description>&amp;#8226;&amp;#8226;&amp;#8226; Als mein Gro&amp;#223;vater 1933 auf Schleichwegen Deutschland verlie&amp;#223;, hatte er nur noch seine Mutter, die ihn an der Hand hielt, und die Sachen, die er am Leib trug. Er trug freilich auch Erinnerungen mit sich, etwa an seinen Vater, wenige Tage zuvor in der Nacht abgeholt und totgeschlagen. Und nat&amp;#252;rlich hatte er die deutsche [...]</description> <content:encoded><![CDATA[<p>&bull;&bull;&bull; Als mein Gro&#223;vater 1933 auf Schleichwegen Deutschland verlie&#223;, hatte er nur noch seine Mutter, die ihn an der Hand hielt, und die Sachen, die er am Leib trug. Er trug freilich auch Erinnerungen mit sich, etwa an seinen Vater, wenige Tage zuvor in der Nacht abgeholt und totgeschlagen. Und nat&#252;rlich hatte er die deutsche Sprache, die einzige, die er verstand. Auch seine Mutter und seine Sprache h&#228;tte er verlieren sollen, w&#228;re es nach dem Willen der »Gastgeber« im Exil-Land gegangen.</p><p>Er kam in die Sowjetunion. Stalin misstraute den deutschen Exilanten, und so trennte man die Kinder von den Eltern, um wenigsten sie noch zu loyalen Sowjetkommunisten erziehen zu k&#246;nnen. Man schickte die Kinder ins <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Artek">»Allunions-Pionierlager Artek«</a>. Deutsch zu sprechen, war dort verboten. Die Sprache des Feindes abzulegen und ins Russische einzutauchen, war elementarer Bestandteil des Umerziehungsprozesses.</p><p>Zur&#252;ck nach Deutschland kam mein Gro&#223;vater als Sanit&#228;ter der Roten Armee und wurde als &#220;bersetzer verpflichtet, zun&#228;chst f&#252;r den russischen Stadtkommandanten, sp&#228;ter f&#252;r das Politb&#252;ro des ZK der SED. Sein Leben lang hat er Depeschen und Dokumente &#252;bersetzt, die zwischen Ost-Berlin und Moskau ausgetauscht wurden.</p><p>Ich habe ein Manuskript von ihm geerbt, dessen Bedeutung mir erst gestern bewusst geworden ist, als Markus A. Hediger mit dem Beitrag <a href="http://turmsegler.net/20100210/herr-grau-uebersetzt/">»Herr Grau &#252;bersetzt«</a> hier im Turmsegler seine <a href="http://turmsegler.net/category/kroetenwanderung/">Gastkolumne</a> wieder aufgenommen hat &#8211; fortan unter dem Titel <a href="http://turmsegler.net/category/graupausen/">»Graupausen«</a>.</p><p>In der Kolumne heisst es:</p><blockquote><p>Herr Grau k&#228;mpft sich durch die Menschenmenge auf der Stra&#223;e zur U-Bahnstation durch. Noch immer liegen seine Nerven blank, daran &#228;ndert auch die jetzt hinzugekommene Nachdenklichkeit nichts. Im Brasilianischen liegen die Nerven nicht blank, sondern in der Bl&#252;te der Haut, ein viel zu prosaischer Ausdruck f&#252;r seinen Gem&#252;tszustand, findet er. [...]</p><p>Herr Grau ertappt sich dabei, wie er die Haut seines Unterarmes betrachtet und dabei Ausschau nach Bl&#252;ten h&#228;lt.</p></blockquote><p>Das Manuskript, das ich geerbt habe, ist eine Sammlung von Sprichw&#246;rtern und Redewendungen, deutschen und russischen, die sich in der Aussage entsprechen, aber zumeist eben doch in v&#246;llig unterschiedlichen Bildwelten fu&#223;en. &#220;ber Jahrzehnte hat mein Gro&#223;vater an diesen Gegen&#252;berstellungen und fremdartig klingenden R&#252;ck&#252;bersetzungen von Redewendungen aus dem Russischen ins Deutsche gearbeitet. Abschlie&#223;en konnte er die Sammlung &#8211; man m&#246;chte fast sagen: nat&#252;rlich &#8211; nicht, auch ver&#246;ffentlicht wurden sie nie.</p><p>Als ich gestern zum ersten Mal von Herrn Grau las, wurde mir pl&#246;tzlich klar, wie viel diese Sammlung &#252;ber meinen Gro&#223;vater sagt &#8211; &#252;ber die erlittenen Verluste, den erzwungenen Identit&#228;tswechsel in der Jugend &#8211; nicht nur, aber vielleicht vor allem durch die Sprache. Es kommt mir so vor, als h&#228;tte er all die Jahrzehnte versucht, sich selbst zur&#252;ckzu&#252;bersetzen. Und allzu wahrscheinlich wird er ein ums andere Mal festgestellt haben, dass es nicht m&#246;glich ist. Dass die Kluft zwischen den Sprachen auch als Riss in ihm selbst klaffte, nicht zu &#252;berbr&#252;cken und nicht zu heilen.</p><div id="crp_related"><h4>Verwandte Beiträge:</h4><ul><li><a href="http://turmsegler.net/20100210/herr-grau-uebersetzt/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau &#252;bersetzt</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100216/habich-und-haettich/" rel="bookmark" class="crp_title">Habich und H&#228;ttich</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100215/herr-grau-zerfaellt-zu-asche/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau zerf&#228;llt zu Asche</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100305/herr-grau-schnappt-nach-luft/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau schnappt nach Luft</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100226/herr-grau-wittert-heimatluft/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau wittert Heimatluft</a></li></ul></div><p class="postmetadata">Im Rückspiegel:&nbsp;<a title="Versagen der Diplomatie (11. 02. 2009)" rel="bookmark" href="http://turmsegler.net/20090211/versagen-der-diplomatie/">Versagen der Diplomatie</a> (11. 02. 2009)</p><div class="feedflare">
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Riitta Oittinen in: »Translating for Children« 1 Herr Grau ist ein unscheinbares M&amp;#228;nnlein. Das war nicht immer so. Fr&amp;#252;her, da war er anders gewesen. Ein Mann. Zwar nicht gerade eine imposante Erscheinung, das nun auch wieder nicht. Keiner, der, betrat er [...]</description> <content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://turmsegler.net/category/graupausen/">»Graupausen«</a> • Eine Gastkolumne von Markus A. Hediger</p><p align="right"><small><em>&#8230; the very act of translation always involves change and domestication.</em><br /> <strong>Riitta Oittinen</strong><br /> in: <a href="http://www.uta.fi/~trrioi/tranch.htm">»Translating for Children«</a></small></p><p><strong>1</strong><br /> Herr Grau ist ein unscheinbares M&#228;nnlein. Das war nicht immer so. Fr&#252;her, da war er anders gewesen. Ein Mann. Zwar nicht gerade eine imposante Erscheinung, das nun auch wieder nicht. Keiner, der, betrat er einen Raum, alle Blicke auf sich zog. Aber einer, der seine Meinung kundzutun und sich Geh&#246;r zu verschaffen verstand. Einer, der nicht nur in Schwarz und Wei&#223; zu denken vermochte, sondern auch den Zwischent&#246;nen zu ihrem Recht verhalf. Heute ist er zu einem M&#228;nnlein verkommen. Grau geworden, im &#8211; nicht auf dem &#8211; Kopf, ein Zwischenton.</p><p><strong>2</strong><br /> Herr Graus Nerven liegen blank. Ungereimtheiten des Lebens haben ihn aus seiner Heimat in diese ferne Stadt am Fuss eines nach einem exotischen Gew&#252;rz benannten Berges gesp&#252;lt. Ein Schicksalsschlag, mit dem Herr Grau hadert, denn nichts ist hier so, wie es in seiner Heimat war. Er sieht sich gezwungen, sein Leben in die Sprache der Einheimischen zu &#252;bersetzen, was ihm mehr schlecht als recht gelingt. Schon allein dieser letzte Ausdruck: Was sich in seiner Muttersprache m&#252;helos reimt, wird – &#252;bersetzt &#8211; zu einem holprigen Ausdruck, den kein Mensch versteht.</p><p><strong>3</strong><br /> Herr Grau sitzt entnervt an einem Schalter des Stra&#223;enverkehrsamts und versucht zu verstehen, was er alles tun und zahlen muss, damit sein F&#252;hrerschein &#252;bertragen werden kann. Er habe die &#220;bersetzungsgeb&#252;hr bereits bezahlt, versucht er dem Beamten klarzumachen, die &#220;bertragungsgeb&#252;hr ebenso, worauf dieser nachdenklich nickt, die Formulare und Belege nochmals durchgeht. Es folgt ein leiser Seufzer, der Herrn Grau zu verstehen gibt, dass die Ausstellungsgeb&#252;hr noch nicht bezahlt sei und dass ohne Begleichung derselben kein staatliches Organ befugt sei, ein offizielles Dokument auszuh&#228;ndigen. Herr Grau z&#252;ckt das Portemonnaie, wieder seufzt der Beamte und erkl&#228;rt ihm, dass nur eine ganz bestimmte Filiale einer ganz bestimmten Bank befugt sei, Zahlungen f&#252;r das Amt entgegenzunehmen. Und noch ein Tag, der daf&#252;r fl&#246;ten geht.</p><p><strong>4</strong><br /> Herr Grau f&#252;hlt sich nicht ernst genommen. In meinem Land, versucht er dem Beamten klarzumachen, da erledigt man alles an einem einzigen Ort &#8211; in f&#252;nfzehn Minuten! Die Augen des Beamten werden klein, jetzt ist es an ihm, die Geduld zu verlieren. Sie sind hier in Bruanien! entgegnet er unwirsch und macht Herrn Grau damit unmissverst&#228;ndlich klar, dass er sich auf fremdem Hoheitsgebiet befindet.</p><p><strong>5</strong><br /> Herr Grau ist ein unscheinbares M&#228;nnlein, aber nicht unsensibel. Die Botschaft ist angekommen. Er hat begriffen. Und begreift, w&#228;hrend er sich von seinem Stuhl l&#246;st und durch die T&#252;r auf die Stra&#223;e schleicht, dass er in dieser Stadt nur wird &#252;berleben k&#246;nnen, wenn er sich die M&#252;he macht, nicht nur seine Sprache, sondern auch sich selbst ins Bruanesische zu &#252;bersetzen. Aber wie?</p><p><strong>6</strong><br /> Herr Grau ist belesen. Er liest viel, noch immer, auch hier in der Fremde, vor allem &#220;bertragungen bekannter Werke aus seiner Heimat. So machte er sich mit dem Bruanesischen vertraut, oder besser: fremd, denn dass die &#220;bersetzungen anders waren als ihre Ursprungstexte, das war un&#252;bersehbar. Nicht nur Melodie und Rhythmus unterschieden sich, oft auch die Bilder, die durch die verschiedenen Texte in ihm wachgerufen wurden. Vor allem mit den Redewendungen haderte er, hadert er noch immer.</p><p><strong>7</strong><br /> Herr Grau k&#228;mpft sich durch die Menschenmenge auf der Stra&#223;e zur U-Bahnstation durch. Noch immer liegen seine Nerven blank, daran &#228;ndert auch die jetzt hinzugekommene Nachdenklichkeit nichts. Im Bruanesischen liegen die Nerven nicht blank, sondern in der Bl&#252;te der Haut, ein viel zu prosaischer Ausdruck f&#252;r seinen Gem&#252;tszustand, echauffiert er sich. Er versucht, dieser merkw&#252;rdigen Metapher auf den Grund zu kommen, fragt sich, wie man f&#252;r einen Zustand der Gereiztheit auch nur auf den Gedanken kommen k&#246;nne, eine Blume zu bem&#252;hen. V&#246;llig unverst&#228;ndlich, befindet er, doch je l&#228;nger er sich dieses Bild vor Augen f&#252;hrt, desto ruhiger und gelassener wird er. Unm&#246;glich, an eine Blume zu denken und dabei geh&#228;ssig zu bleiben.</p><p><strong>8</strong><br /> W&#228;hrend die U-Bahn von Station zu Station rattert, Menschen ein- und aussteigen, &#252;berlegt sich Herr Grau, wie er das Unternehmen seiner Selbst&#252;bersetzung am besten angehen soll. Er besitzt Eigenschaften, f&#252;r die es keine bruanesische Entsprechung gibt. Aufgeben darf er sie nicht. Das hie&#223;e, Verrat begehen am Original. Kein guter &#220;bersetzer darf sich das erlauben. Zugleich aber darf er sich auch nicht gegen die Ver&#228;nderungen str&#228;uben, die eine &#220;bersetzung unweigerlich mit sich bringt.</p><p><strong>9</strong><br /> Herr Grau ertappt sich dabei, wie er die Haut seines Unterarmes betrachtet und dabei Ausschau nach Bl&#252;ten h&#228;lt.</p><div id="crp_related"><h4>Verwandte Beiträge:</h4><ul><li><a href="http://turmsegler.net/20100211/uebersetzte-identitaet/" rel="bookmark" class="crp_title">&#220;bersetzte Identit&#228;t</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100305/herr-grau-schnappt-nach-luft/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau schnappt nach Luft</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100215/herr-grau-zerfaellt-zu-asche/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau zerf&#228;llt zu Asche</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100219/herr-graus-hoehenangst/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Graus H&#246;henangst</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100226/herr-grau-wittert-heimatluft/" rel="bookmark" class="crp_title">Herr Grau wittert Heimatluft</a></li></ul></div><p class="postmetadata">Im Rückspiegel:&nbsp;<a title="Versagen der Diplomatie (11. 02. 2009)" rel="bookmark" href="http://turmsegler.net/20090211/versagen-der-diplomatie/">Versagen der Diplomatie</a> (11. 02. 2009)</p><div class="feedflare">
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Wir waren bei Robert Frost. Und ich habe da noch etwas nachzutragen. Bei meiner Suche nach Frost-&amp;#220;bertragungen bin ich auf einige interessante Beitr&amp;#228;ge gesto&amp;#223;en, die ich mit den Turmseglern teilen m&amp;#246;chte. Auf AdamSmithAcademy.org - einem Education Channel als Podcast &amp;#8211; gibt es allerhand zu entdecken und zu lernen. Aufmerksam geworden [...]</description> <content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://jodmiester.deviantart.com/art/Snow-50138897"><img src="http://turmsegler.net/img/2010/snow_by_jodmiester_s.jpg" alt="Snow &bull; &copy; by Jodmiester@deviantart.com" /></a><br /> <small><a href="http://jodmiester.deviantart.com/art/Snow-50138897">Snow</a> &bull; &copy; by <a href="http://jodmiester.deviantart.com/"><strong>Jodmiester@deviantart.com</strong></a></small></p><p>&bull;&bull;&bull; R&#228;uspern. Wir <a href="http://turmsegler.net/20100203/der-unbegangene-weg/">waren</a> bei <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Frost">Robert Frost</a>. Und ich habe da noch etwas nachzutragen. Bei meiner Suche nach Frost-&#220;bertragungen bin ich auf einige interessante Beitr&#228;ge gesto&#223;en, die ich mit den Turmseglern teilen m&#246;chte.</p><p>Auf <a href="http://www.adamsmithacademy.org">AdamSmithAcademy.org </a>- einem Education Channel als Podcast &#8211; gibt es allerhand zu entdecken und zu lernen. Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Podcast &#8211; eben &#252;ber Robert Frost, dessen ber&#252;hmtes Gedicht <a href="http://www.adamsmithacademy.org/etext/StoppingByWoodsOnASnowyEvening.html">»Stopping by Woods on a Snowy Evening«</a> dort w&#252;rdigend vorgestellt wird.</p><p>Hier ist es.</p><h4>Stopping by Woods on a Snowy Evening</h4><p>Whose woods these are I think I know.<br /> His house is in the village, though;<br /> He will not see me stopping here<br /> To watch his woods fill up with snow.</p><p>My little horse must think it queer<br /> To stop without a farmhouse near<br /> Between the woods and frozen lake<br /> The darkest evening of the year.</p><p>He gives his harness bells a shake<br /> To ask if there is some mistake.<br /> The only other sound&#8217;s the sweep<br /> Of easy wind and downy flake.</p><p>The woods are lovely, dark, and deep,<br /> But I have promises to keep,<br /> And miles to go before I sleep,<br /> And miles to go before I sleep.</p><p align="right"><strong><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Frost">Robert Frost</a></strong> (1874-1963)</p><p>Froh war ich, auch von diesem Gedicht eine Celan-&#220;bertragung zu finden:</p><blockquote><h4>Innehaltend inmitten der W&#228;lder an einem Schnee-Abend</h4><p>Wes diese W&#228;lder sind, das wei&#223; ich recht genau.<br /> Allein im Dorf erst, dr&#252;ben, steht sein Haus.<br /> Der Schnee f&#252;llt ihm den Wald &#8211; steh ich und schau,<br /> dann sieht er mich nicht, macht er mich nicht aus.</p><p>Mein kleiner Gaul, der findets wohl verquer:<br /> kein Haus, kein Hof &#8211; und dahier h&#228;lt sein Herr;<br /> ein Teich, gefroren, und nur W&#228;lder um uns her;<br /> der Abend heut &#8211; im ganzen Jahr kein finsterer.</p><p>Das Zaumzeug sch&#252;ttelt er &#8211; die Schelle spricht:<br /> Ist das ein Mi&#223;verst&#228;ndnis &#8211; oder nicht?<br /> Ich lausch und horch &#8211; ich h&#246;r sonst nichts;<br /> doch, dies noch: leichten Wind, die Flocken, erdw&#228;rts, dicht.</p><p>Anheimelnd, dunkel, tief die W&#228;lder, die ich traf.<br /> Doch noch nicht eingel&#246;st, was ich versprach.<br /> Und Meilen, Meilen noch vorm Schlaf.<br /> Und Meilen Wegs noch bis zum Schlaf.</p></blockquote><p>Auffallend, dass Celan sich entscheidet, die letzte Zeile nicht wie im Original zu wiederholen, sondern zu variieren.</p><p><a href="http://www.muenchner-uebersetzerforum.de/abteilungen/veranstaltungen/vollert07.html">Lars Vollert</a> &#252;bersetzt die letzte Strophe so:</p><blockquote><p>Der Wald ist lieblich, schwarz und tief,<br /> doch ich muss tun, was ich versprach,<br /> und Meilen gehn, bevor ich schlaf,<br /> und Meilen gehn, bevor ich schlaf.</p></blockquote><p>So sehr mich das Gedicht auch ber&#252;hrt, komme ich doch nicht umhin, es ein wenig angestaubt zu finden &#8211; jedenfalls f&#252;r einen Autor, der bis 1963 lebte. Ich habe Pound im Ohr, dagegen kommt mir Frosts Form vor wie eine Volte r&#252;ckw&#228;rts. Nun bin ich in Sachen amerikanischer Lyrik herzlich schlecht informiert und war daher dankbar, auf der Website des SWR auf das Manuskript einer Sendung vom letzten Jahr zu sto&#223;en, die eine Einf&#252;hrung in die amerikanische Lyrik versucht, einige der wesentlichen Vertreter und die ma&#223;geblichen Debatten vorstellt, die im Bereich der Dichtung in den USA in den letzten 100 Jahren ausgefochten wurden.</p><p>Der Titel der Sendung: <a href="http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/literatur/-/id=4383478/property=download/nid=659892/14s6orl/swr2-literatur-20090217.pdf">»Das Ende der Moderne«</a> (Backup <a href="http://turmsegler.net/downloads/swr2-literatur-20090217.pdf">&raquo;&raquo; hier</a>). Dass gerade die Frage der Stilmittel in den Debatten eine wesentliche Rolle spielte, erf&#228;hrt man in der Sendung, illustriert u. a. am Beispiel Frost contra Pound. W&#228;hrend der »Antiformalist« Pound den Reim und den Blankvers abzustreifen bestrebt war, bestand der »Formalist« Frost gerade darauf, die alten Formen zu pflegen. Er st&#252;tzte sich »auf Gesichertes &#8211; in oft ungesichertem Gel&#228;nde« und meinte entschieden:</p><blockquote><p> Dichten ohne Reim ist wie Tennis ohne Netz.</p></blockquote><p>Popul&#228;r und von der Kritik gesch&#228;tzt waren seine Gedichte allemal. Zweimal erhielt er den begehrten Pulitzer Preis &#8211; jeweils f&#252;r Gedichtb&#228;nde. Das ist heute so schwer vorstellbar wie der Umstand, dass es Zeiten gab, als Dichtung &#8211; etwa von <a href="http://turmsegler.net/tag/pablo-neruda/">Neruda</a>, <a href="http://turmsegler.net/tag/gabriela-mistral/">Mistral</a> oder <a href="http://turmsegler.net/tag/salvatore-quasimodo/">Quasimodo</a> &#8211; noch mit Nobelpreisen bedacht wurde.</p><div id="crp_related"><h4>Verwandte Beiträge:</h4><ul><li><a href="http://turmsegler.net/20080709/ueber-den-beruf-des-kritikers/" rel="bookmark" class="crp_title">&#220;ber den Beruf des Kritikers</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20100203/der-unbegangene-weg/" rel="bookmark" class="crp_title">Der unbegangene Weg</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20070318/ode-an-eine-uhr-in-der-nacht/" rel="bookmark" class="crp_title">Ode an eine Uhr in der Nacht</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20070312/amor-america-1400/" rel="bookmark" class="crp_title">Amor América (1400)</a></li><li><a href="http://turmsegler.net/20070323/ballade/" rel="bookmark" class="crp_title">Ballade</a></li></ul></div><p class="postmetadata">Im Rückspiegel:&nbsp;<a title="Versagen der Diplomatie (11. 02. 2009)" rel="bookmark" href="http://turmsegler.net/20090211/versagen-der-diplomatie/">Versagen der Diplomatie</a> (11. 02. 2009)</p><div class="feedflare">
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