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	<title>Futura9</title>
	
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	<description>Wie uns die Welt bewegt</description>
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		<title>Entwortung: Nachhaltigkeit</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Nov 2009 08:10:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Entwortung]]></category>
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Begriffe werden gehandelt wie Wertpapiere, manche sto&#223;en auf Gegenliebe, werden benutzt, werden immer h&#228;ufiger benutzt, steigen im Kurs &#8230; und popul&#228;r sind sie sp&#228;testens dann, wenn ein Fu&#223;balltrainer sie benutzt. Robin Dutt, Trainer des Bundesligaklubs SC Freiburg, sagte vor dem Spiel gegen Hoffenheim 1899, dieses Team habe sich deutlich verbessert und trete dadurch »etwas nachhaltiger [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignleft size-full wp-image-4585" title="l" src="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/l.gif" alt="l" width="540" height="4" /></p>
<p>Begriffe werden gehandelt wie Wertpapiere, manche sto&#223;en auf Gegenliebe, werden benutzt, werden immer h&#228;ufiger benutzt, steigen im Kurs &#8230; und popul&#228;r sind sie sp&#228;testens dann, wenn ein Fu&#223;balltrainer sie benutzt. Robin Dutt, Trainer des Bundesligaklubs SC Freiburg, sagte vor dem Spiel gegen Hoffenheim 1899, dieses Team habe sich deutlich verbessert und trete dadurch »etwas nachhaltiger auf als zuvor« (»Zeitung zum Sonntag«, Freiburg, 1.11.). <span id="more-4584"></span></p>
<p>Er h&#228;tte genausogut sagen k&#246;nnen: etwas erfolgreicher.  Dutts r&#228;tselhafte Warnung war gerechtfertigt – Hoffenheim gewann 1:0 in Freiburg. Das siegreiche Team hinterlie&#223; dabei keinen nachhaltigen Eindruck; und der frische Ausw&#228;rtssieg der Badener in Bochum stellt auch keine nachhaltige Besserung dar – womit auch gleich zwei Beispiele f&#252;r die alte Verwendung von nachhaltig genannt seien, entnommen dem Stil-Duden, denn der Duden ist nachhaltig-haltig. In einer Fu&#223;note eines wissenschaftlichen W&#228;lzers mit Werken des Linguisten Roman Jakobson las ich k&#252;rzlich, Franz Boas habe Claude Lévi-Strauss »nachhaltig« beeinflusst, und die grammatischen Strukturen determinierten »nachhaltig« Kultur und Weltanschauung. Das Buch erschien 2007, und in beiden F&#228;llen k&#246;nnte »nachhaltig« ohne Schaden gestrichen werden. Aber Moden machen nicht einmal vor der Wissenschaft halt.</p>
<p>Heute ist Nachhaltigkeit meist mit der Umwelt verkn&#252;pft, und in der Solar- und &#214;kohauptstadt Freiburg wird auf sie geachtet. Vielleicht hat Trainer Dutt auch das ber&#252;hmte W&#246;rterbuch, den »kleinen &#246;ko-duden« auf dem Nachttisch stehen (kann er aber doch nicht, weil ich ihn soeben erfunden habe). Nachhaltigkeit ist kluger Umgang mit Ressourcen, ist irgendwie etwas Positives.</p>
<p>Seit einigen Jahren schon br&#252;stet sich fast jede Firma damit, nachhaltig zu wirtschaften. Nachhaltig ist so etwas wie dauerhaft, schonend, »slow«, soll Bedachtsamkeit und Achtsamkeit vermitteln (auch das ein neues Wort, Achtsamkeit, das f&#252;r eine meditativ gest&#252;tzte Anwesenheit steht) … Da wird nicht, so wird suggeriert, alles wie wild verbraten, sondern man schaut, dass man morgen auch noch etwas hat.</p>
<p>Es gibt nachhaltige Produkte, nachhaltigen Bau, nachhaltiges Einkaufen, einen nachhaltigen Lebensstil, nachhaltiges Wirtschaften und nachhaltige Entwicklung. Begriffe, die beliebt sind, kommen so oft zur Anwendung, dass sie bald verschwommen wirken, nicht mehr richtig wahrgenommen werden und schlie&#223;lich an Wert verlieren. Man darf also getrost wegh&#246;ren, wenn man »nachhaltig« h&#246;rt. Denn die Medien- und PR-Welt ist alles andere als nachhaltig, verbr&#228;t alles gnadenlos und st&#252;rzt sich dann auf »the next big thing«.</p>
<p>Manchmal schwant einem, dass die h&#228;ufige Erw&#228;hnung der Nachhaltigkeit eine Beschw&#246;rung ist, die Beschw&#246;rung einer Wunschvorstellung, denn dass unser westlicher Lebensstil nachhaltig sei, kann man wirklich nicht sagen. Und ob das W&#246;rtchen nachhaltig in unserer Sprache einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat, kann man <em>noch</em> nicht sagen.</p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-4586" title="l" src="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/l1.gif" alt="l" width="540" height="4" /></p>


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		<title>Ich verändere die Welt!</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Nov 2009 08:02:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Krämer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Moderne Zeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Geld]]></category>
		<category><![CDATA[Wachstum]]></category>

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		<description><![CDATA[
»Ich ver&#228;ndere die Welt«, sagt das afrikanische M&#228;dchen.
»Nichts wirst du ver&#228;ndern«, sage ich ihm, »denn was du unter Ver&#228;nderung verstehst, das w&#228;re f&#252;r uns Verzicht. Stimmt&#8217;s? Wir haben eben verschiedene Leben in verschiedenen Welten. Ver&#228;ndere du ruhig die deine, aber nicht gleich die ganze!«

»Ich ver&#228;ndere die Welt«, sagt das M&#228;dchen, unger&#252;hrt.
»Versteh doch«, sage ich ihm, [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/kraemer_helmut_ich_veraendere_die_welt_11.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-4664" title="kraemer_helmut_ich_veraendere_die_welt_1" src="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/kraemer_helmut_ich_veraendere_die_welt_11.jpg" alt="kraemer_helmut_ich_veraendere_die_welt_1" width="540" height="360" /></a></p>
<p>»Ich ver&#228;ndere die Welt«, sagt das afrikanische M&#228;dchen.<br />
»Nichts wirst du ver&#228;ndern«, sage ich ihm, »denn was du unter <em>Ver&#228;nderung</em> verstehst, das w&#228;re f&#252;r uns <em>Verzicht</em>. Stimmt&#8217;s? Wir haben eben verschiedene Leben in verschiedenen Welten. Ver&#228;ndere du ruhig die deine, aber nicht gleich die ganze!«<span id="more-4653"></span></p>
<p><a href="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/kraemer_helmut_ich_veraendere_die_welt_21.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-4665" title="kraemer_helmut_ich_veraendere_die_welt_2" src="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/kraemer_helmut_ich_veraendere_die_welt_21.jpg" alt="kraemer_helmut_ich_veraendere_die_welt_2" width="540" height="360" /></a></p>
<p>»Ich ver&#228;ndere die Welt«, sagt das M&#228;dchen, unger&#252;hrt.<br />
»Versteh doch«, sage ich ihm, »wir haben nicht f&#252;r alles Geld. Auch wir haben Hunger, nicht nur du. Komm mit, jetzt genehmigen wir uns erst einmal einen Burger – <em>Grilled Cheese</em> –, dann sehen wir weiter.«</p>
<p><a href="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/kraemer_helmut_ich_veraendere_die_welt_3.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-4660" title="kraemer_helmut_ich_veraendere_die_welt_3" src="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/kraemer_helmut_ich_veraendere_die_welt_3.jpg" alt="kraemer_helmut_ich_veraendere_die_welt_3" width="540" height="360" /></a><br />
»Ich ver&#228;ndere die Welt«, sagt ein anderes M&#228;dchen und lacht mich an.<br />
»T&#228;usch dich nicht, du wirst &#252;berhaupt nichts ver&#228;ndern«, sage ich ihm. »Dreh dich doch einmal um und schau, was wir da alles bauen m&#252;ssen. Glaubst du, das gibt&#8217;s umsonst?« – Von Wachstum keine Ahnung, diese Leute.</p>
<p>Ja, so geht&#8217;s zu auf der Welt. Da k&#246;nnen nicht einfach afrikanische M&#228;dchen kommen und bei uns die Welt auf den Kopf stellen. Was hei&#223;t da schon »die Welt ver&#228;ndern«? Das machen wir doch selbst Tag f&#252;r Tag.</p>


<p>No related posts.</p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/Futura9/~4/yOP1ZD8HFz4" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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		<title>Ohne Befehl</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Nov 2009 07:59:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politisches]]></category>
		<category><![CDATA[Gewissen]]></category>
		<category><![CDATA[Mauerfall]]></category>

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		<description><![CDATA[futura9 ist kein Nachrichtenmagazin und nicht der Aktualit&#228;t verpflichtet. Aber jetzt, nach dem gro&#223;en Jubil&#228;umsabend im Fernsehen zu 20 Jahre Mauerfall, dr&#228;ngt sich mir der Wunsch auf, etwas dar&#252;ber zu schreiben, statt vorbereitetes Material auf die Leser loszulassen; ohne Befehl oder gewisserma&#223;en einem inneren Befehl folgend. Ein Bild blieb haften: der SED-Bezirksleiter Leipzig, an jedem [...]


No related posts.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>futura9</em> ist kein Nachrichtenmagazin und nicht der Aktualit&#228;t verpflichtet. Aber jetzt, nach dem gro&#223;en Jubil&#228;umsabend im Fernsehen zu 20 Jahre Mauerfall, dr&#228;ngt sich mir der Wunsch auf, etwas dar&#252;ber zu schreiben, statt vorbereitetes Material auf die Leser loszulassen; ohne Befehl oder gewisserma&#223;en einem inneren Befehl folgend. Ein Bild blieb haften: der SED-Bezirksleiter Leipzig, an jedem Ohr einen Telefonh&#246;rer, der rief: »Was soll ich denn jetzt machen?«<span id="more-4679"></span></p>
<p>Da steckten Leute, die ihr Leben lang klaren Anweisungen gefolgt waren, in einer anarchischen Situation. Die Oberen hatten sich weggeduckt, weil sie sich auch keinen Rat mehr wussten. Man musste dem Gewissen folgen oder der Situation, wie sie sich anbot: ihrer Konstellation. Augenblicksentscheidungen waren n&#246;tig, deren Tragweite nicht zu &#252;berschauen war; es ging nur darum, die n&#228;chsten Stunden zu &#252;berstehen. Da waren viele andere, die auch in einer Lage steckten, f&#252;r die es keine Regeln gab.</p>
<p>Ohne Befehl. Wie gerne h&#228;tte man ein Handbuch, in dem nachzuschlagen w&#228;re, wie man sich richtig verhalten k&#246;nne. Nichts da. Wir gehen hinaus und stehen immer aufs neue vor Entscheidungen. Dabei folgen wir einem inneren Kompass, in dessen Zentrum wohl das Gewissen steht, diese unergr&#252;ndliche Instanz, gespeist aus Erziehung, Erfahrungen unserer Spezies und individuellen Antrieben. Was wir Intuition nennen, ist meist die Summe von Erfahrungen; die »innere Stimme« ist schwerer zu fixieren, aber jedenfalls gibt es eine Handlungsweise, die zu uns passt, die koh&#228;rent ist und uns »richtig« vorkommt.</p>
<p>Andern mag sie v&#246;llig idiotisch vorkommen. Dieser Stimme aber zu folgen ist eine Sache des Willens, dazu geh&#246;rt Mut; und sie durchzusetzen f&#252;r einen guten Zweck, auch wenn es uns pers&#246;nlich schaden mag, ist eine der sch&#246;nsten Eigenschaften des Menschen. Es braucht einige, die sich opfern, die leiden und auch oft vergessen werden. Der letzte Sieg geh&#246;rt dann allen, aber ohne Vork&#228;mpfer gibt es diesen Sieg nicht.</p>
<p>Jemand sagt nein, und das macht anderen Mut. Doch es dauert lange, bis die einsamen K&#228;mpfer Mitstreiter finden. Bis dann endlich die »kritische Masse« erreicht ist. So hei&#223;t ja eine anarchische, demokratische und gewaltlose Fahrraddemonstration, 1992 in San Francisco ins Leben gerufen. Der Begriff entstammt dem Film eines Amerikaners, der in China beobachtete, wie Radfahrer sich sammelten, um gefahrlos und gemeinsam eine Kreuzung &#252;berqueren zu k&#246;nnen. Irgendwann war sie da, die kritische Masse, und die Radler fuhren los.</p>


<p>No related posts.</p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/Futura9/~4/dN25yR9CJrg" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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		<title>Arme Sprache, schnelle Bahn</title>
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		<comments>http://futura9.de/2009/11/09/arme-sprache-schnelle-bahn/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 09 Nov 2009 08:12:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Krämer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sprechprobe]]></category>
		<category><![CDATA[Bahn]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Bahn k&#228;mpft, um das etwas militaristisch auszudr&#252;cken, an allen Fronten. Sie k&#228;mpft gegen defekte Achsen, f&#252;r Sauberkeit in den Z&#252;gen und in den Bahnh&#246;fen, sie k&#228;mpft gegen die Billigflieger, um P&#252;nktlichkeit und um Kunden. Und anscheinend k&#228;mpft sie auch gegen die Sprache. Kann das gut gehen?
Fragen wir Jacques Tati, den gro&#223;en franz&#246;sischen Filmk&#252;nstler und [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4632" class="wp-caption alignleft" style="width: 550px"><a href="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/kraemer_helmut_bahndeutsch2.jpg"><img class="size-full wp-image-4632" title="kraemer_helmut_bahndeutsch2" src="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/kraemer_helmut_bahndeutsch2.jpg" alt="Da freut sich das Gep&#228;ck, dass es den »Kuli« benutzen darf." width="540" height="360" /></a><p class="wp-caption-text">Da freut sich das Gep&#228;ck, dass es den »Kuli« benutzen darf.</p></div>
<p>Die Bahn k&#228;mpft, um das etwas militaristisch auszudr&#252;cken, an allen Fronten. Sie k&#228;mpft gegen defekte Achsen, f&#252;r Sauberkeit in den Z&#252;gen und in den Bahnh&#246;fen, sie k&#228;mpft gegen die Billigflieger, um P&#252;nktlichkeit und um Kunden. Und anscheinend k&#228;mpft sie auch gegen die Sprache. Kann das gut gehen?<span id="more-4622"></span></p>
<p>Fragen wir Jacques Tati, den gro&#223;en franz&#246;sischen Filmk&#252;nstler und Kritiker der Kultur seiner Zeit. Er war ein Skeptiker, der den technik- und effizienzverliebten Zeitgeist genau beobachtete und in seinen Filmen dessen Paradoxien grandios ans Licht zerrte und parodierte. Was bleibt, ist jeweils nur die l&#228;cherliche Attit&#252;de von Effizienz und Modernit&#228;t. In <em>Jour de fête</em> (dt. »Das Sch&#252;tzenfest«, 1949) ist es eine Eile, die sich selbst auffrisst. Immer den Schlachtruf <em>Rapidité</em> auf den Lippen, versteigt sich Tati als radelnder Postbote zu den kuriosesten Man&#246;vern, die nur eines vereint: ihre Geschwindigkeit und ihr Scheitern oder, genauer gesagt, ihr Scheitern infolge der Geschwindigkeit im falschen Moment und am falschen Ort. Um Zeit zu sparen, wirft er die Post vom Rad durch die Fenster oder sonstwo hin, und dort wird sie vom Metzger zerhackt und von Ziegen gefressen. Der Schluss aus seinen Filmen: Ein Zuviel an Geschwindigkeit kann nicht gut gehen.</p>
<p><strong>Wer checkt hier wen oder was?</strong></p>
<p>Dennoch: Wer schnell sein will, der werfe Ballast ab, insbesondere unn&#246;tigen. Die Bahn wei&#223; das, und bei der Suche nach &#220;berfl&#252;ssigem scheint sie auch auf die Sprache gekommen zu sein. Dass sie dabei auf den raffenden Charme des Englischen verfallen ist, soll nur am Rand interessieren, ebenso, dass sie sich damit einer Sprache bedient, die sie eigentlich nicht (also: nicht wirklich) beherrscht. So gibt es hier den »DB Railnavigator«, der wohl ein »DB-Railnavigator« oder ein »DB Rail Navigator« sein soll, dann gibt es den »Routenplaner MobilCheck«, bei dem nicht klar ist, ob es sich um einen »Routenplaner-Mobilcheck« (also den mobilen[?] Check des Routenplaners) oder einen »Mobilcheck-Routenplaner« handelt (also um einen Routenplaner, der so etwas wie die Mobilit&#228;t checkt – wobei unklar ist, wie er das anstellen will). Im Zweifelsfall meide man diesen Navigator wie einen Alligator und n&#252;tze seine Zeit zu etwas Sinnvollem.</p>
<p>Ein enormes Einsparpotenzial hat die Bahn in der schlichten deutschen Konjunktion »und«. Wo immer es geht, ersetzt sie es durch das Et-Zeichen (»&amp;«) und erspart uns Kunden damit das Lesen von zwei Buchstaben. Leider verlieren wir die so gewonnene Zeit wieder, da wir &#252;ber Wortbilder wie »Pendler&amp;Vielfahrer« nachdenken m&#252;ssen und uns m&#252;hsam zu erkl&#228;ren versuchen, warum es nicht wenigstens »Pendler &amp; Vielfahrer« hei&#223;t, wo doch auf derselben Seite auch die Rede davon ist, dass »Teens &amp; Twens unterwegs« seien. Kurz und gut, was man hier liest, ist ein gef&#228;lliges Deutsch, dessen Gef&#228;lligkeit darauf beruht, dass es offenbar Grafikern gef&#228;llt. Der Beweggrund f&#252;r dieses Treiben scheint die Frage zu sein, was man tun kann, damit das Deutsche schicker aussieht. Mein Vorschlag w&#228;re: &amp; Fehler vermeiden! (Ist immer schick!)</p>
<div id="attachment_4630" class="wp-caption alignleft" style="width: 550px"><a href="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/kraemer_helmut_bahndeutsch11.jpg"><img class="size-full wp-image-4630" title="kraemer_helmut_bahndeutsch1" src="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/kraemer_helmut_bahndeutsch11.jpg" alt="kraemer_helmut_bahndeutsch1" width="540" height="360" /></a><p class="wp-caption-text">Bitte weitergehen dies?</p></div>
<p>Nun ja, es ist leicht, so vor sich hin zu murren und so zu tun, als wisse man alles besser. Unfair ist das einem so gro&#223;en Unternehmen gegen&#252;ber, das sich ja wirklich bem&#252;ht und in seinem Bem&#252;hen dann doch wieder zu L&#246;sungen von gr&#246;&#223;ter Kongruenz findet. So bin ich am Bahnhof M&#252;nchen-Pasing, dem viertgr&#246;&#223;ten in Bayern, der zurzeit vollst&#228;ndig umgebaut wird, auf ein Schild gesto&#223;en, dessen Zweck es war, mich zu vertreiben. Es stand darauf der folgende Satz (wenn man ihn so bezeichnen mag): »Bitte weitergehen dies ist kein Aufenthaltsbereich«. Schlagartig wurde mir klar: <em>form follows function</em>! Das musste es sein, denn was soll der Mensch sich mit der Lekt&#252;re eines Kommas aufhalten, wenn doch Eile geboten ist? Vielleicht steckt, so denke ich mir, hinter allem ja ein h&#246;herer Plan, und ich habe ihn soeben begriffen: Wenn man auf allen Schildern k&#252;nftig immer alle Kommas wegl&#228;sst, so m&#252;sste sich daraus ein Zeitgewinn ergeben, der der Bahn dabei helfen k&#246;nnte, p&#252;nktlicher zu sein. Wie schlau!</p>
<p><strong>Auf und davon mit dem Kuli</strong></p>
<p>Ich griff nach einem Transportw&#228;gelchen, das politisch inkorrekt »Kofferkuli« hei&#223;t. Aber mein Gep&#228;ck war schneller als ich, sprang begeistert hinauf und fuhr allein davon. Als es um die n&#228;chste Ecke bog, winkte mir der Koffer noch zu: »Keine Sorge, wir benutzen es nur im Bahnhof.« Tja, ich konnte es ihm nicht ver&#252;beln, es stand ja auf dem W&#228;gelchen deutlich geschrieben: Das Gep&#228;ck – nicht ich – darf den Kofferkuli benutzen, aber nur im Bahnhof. »F&#252;r Ihr Gep&#228;ck nur zur Benutzung im Bahnhof«. Gemeint war vielleicht: »F&#252;r Ihr Gep&#228;ck, nur zur Benutzung im Bahnhof«. Oder sogar: »F&#252;r Ihr Gep&#228;ck. Nur zur Benutzung im Bahnhof«. Aber das stand nicht da, und so machte sich mein Gep&#228;ck ohne mich auf und davon.</p>


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		<title>Die Schläfer der Städte</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Nov 2009 11:12:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Moderne Zeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Straßenbahn]]></category>
		<category><![CDATA[Verkehr]]></category>

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		<description><![CDATA[Wieder jemanden umgefahren. Das musste mir mein Bekannter gleich erz&#228;hlen, als er nach Mitternacht vom Dienst heimkam. Er lenkt bei den Z&#252;rcher Verkehrsbetrieben eine Stra&#223;enbahn (»einen Tram« hei&#223;t das in der Schweiz), und da sei also eine junge Frau dahinspaziert, habe das zweimalige L&#228;uten und das dringlichere zweimalige »Rasseln« &#252;berh&#246;rt und sei gegen die langsam [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4502" class="wp-caption alignleft" style="width: 550px"><img class="size-full wp-image-4502" title="romtram_manfred_poser" src="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/Strassenbahn_Rom.jpg" alt="Tram Nummer 8 in Rom, auf dem Ponte Garibaldi" width="540" height="265" /><p class="wp-caption-text">Tram Nummer 8 in Rom, auf dem Ponte Garibaldi</p></div>
<p>Wieder jemanden umgefahren. Das musste mir mein Bekannter gleich erz&#228;hlen, als er nach Mitternacht vom Dienst heimkam. Er lenkt bei den Z&#252;rcher Verkehrsbetrieben eine Stra&#223;enbahn (»einen Tram« hei&#223;t das in der Schweiz), und da sei also eine junge Frau dahinspaziert, habe das zweimalige L&#228;uten und das dringlichere zweimalige »Rasseln« &#252;berh&#246;rt und sei gegen die langsam fahrende Tram geprallt. So ein Fahrzeug wiegt schon leer um die 46 Tonnen.<span id="more-4501"></span></p>
<p>Das Bremsman&#246;ver habe nichts gen&#252;tzt, die Frau sei blitzartig umgefallen, doch anscheinend war sie nicht einmal verletzt. Mein Bekannter ist erst seit vier Monaten Stra&#223;enbahnchauffeur und hat in dieser Zeit schon eine Kollision mit einem Bus gehabt, wobei die Frontscheibe zersplitterte und zwei Fu&#223;g&#228;nger umgenietet, wof&#252;r er nichts konnte. Sie liefen ihm vor den Tram. »Eine verr&#252;ckte Stadt, Z&#252;rich«, sagt er. »Die Autofahrer lebensm&#252;de bis stinkfrech, die Fu&#223;g&#228;nger – einfach abwesend.«</p>
<p>Es sind oft junge Leute, die nicht einmal das Handy am Ohr oder Kopfh&#246;rer auf den Ohren haben. Sie wandeln selbstvergessen dahin und h&#246;ren und sehen nichts. Eine Tram ist ja eigentlich ein gut zu berechnendes Fahrzeug. Es kann seine Schienen nicht verlassen, ist ziemlich gro&#223; und l&#228;utet im Gefahrenfalle. All das scheint nichts zu n&#252;tzen. Wir haben uns &#252;berlegt, woran es liegen k&#246;nnte, dass junge Menschen so »in Gedanken« sind, wenn da &#252;berhaupt Gedanken eine Rolle spielen. Meinen sie sich in einem Computerspiel zu befinden, in dem nie etwas passiert, haben sie den Kanal voll mit Eindr&#252;cken, sind sie im Morgen, im Gestern, im Irgendwo, im Nirgendwo?</p>
<p>Seit Anfang Juli, seit er diesen Job macht, sind in Freiburg im Breisgau, das viel ruhiger ist als Z&#252;rich, zwei junge Menschen durch die Stra&#223;enbahn zu Tode gekommen. Ein 19-J&#228;hriger wollte im August eine Tram erreichen und stolperte vor eine andere, ein 16-j&#228;hriges M&#228;dchen lief am 26. Oktober &#252;ber die Schienen und wurde von der herannahenden Stra&#223;enbahn &#252;berfahren. In Dresden habe ich auch gesehen, wie Fahrg&#228;ste hinter einer Bahn, aus der sie gerade ausgestiegen waren, &#252;ber die Gleise liefen, w&#228;hrend sich schon die n&#228;chste Tram n&#228;herte.</p>
<p>Da hat es jemand eilig, und schon ist alles vorbei. In einer Sekunde ist ein Leben vor&#252;ber, das noch lustig und interessant h&#228;tte sein k&#246;nnen &#252;ber lange Zeit. Manchmal (oder meistens) sind aber die anderen achtlos. Die Tramfahrer sind Profis; zu f&#252;rchten sind die Autofahrer. Bei denen sind alle zu f&#252;rchten.</p>
<p>Der Taxifahrer, der am 30. Oktober um 2 Uhr morgens auf der Via dei Fori Imperiali die 28-j&#228;hrige <a href="http://www.ciclistica.it/post/2009/11/03/eva-che-voleva-vivere-roma#new" target="_blank">Eva</a> auf ihrem Rad &#252;bersah und von hinten rammte, hatte vermutlich mit seinen Fahrg&#228;sten geplaudert, w&#228;hrend er &#252;ber die Pflastersteine holperte. Die junge Frau aus Br&#252;nn starb am Tag darauf. Das geh&#246;rt nur wegen Roms hierher und weil ich dauernd daran denken muss. Viele r&#246;mische Fahrradfreunde <a href="http://www.ruotalibera.org/simplog/archive.php?blogid=1&amp;pid=5633" target="_blank">demonstrierten am vergangenen Freitag, </a>um wenigstens eine Stellungnahme der Stadtverwaltung zu bekommen. Aber was soll geschehen? Etwas m&#252;sste geschehen; jeder Tod auf der Stra&#223;e hat Ursachen, die zu Konsequenzen f&#252;hren m&#252;ssten. Ein rechtes Schlusswort will sich hier nicht einstellen; das ultimative Schlusswort ist der Tod.</p>


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		<title>Verkaufsoffener Sonntag</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Nov 2009 13:08:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Krämer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Moderne Zeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Kommerz]]></category>

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		<description><![CDATA[Morgen, am 8. November, ist in der Gemeinde wieder ein »verkaufsoffener Sonntag«. So entnehme ich es den gro&#223;en Plakaten, die man auf ausrangierte Anh&#228;nger gestellt hat. Die Stelle, auf der das Datum steht, war &#252;berklebt worden, denn es handelt sich um eine wiederkehrende Veranstaltung, bei der nur das Datum sich &#228;ndert, der Rest aber gleich [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4610" class="wp-caption alignleft" style="width: 550px"><a href="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/kraemer_helmut_isar_bei_lenggries.jpg"><img class="size-full wp-image-4610" title="kraemer_helmut_isar_bei_lenggries" src="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/kraemer_helmut_isar_bei_lenggries.jpg" alt="Man hat einfach die Wahl ..." width="540" height="383" /></a><p class="wp-caption-text">Man hat einfach die Wahl ...</p></div>
<p>Morgen, am 8. November, ist in der Gemeinde wieder ein »verkaufsoffener Sonntag«. So entnehme ich es den gro&#223;en Plakaten, die man auf ausrangierte Anh&#228;nger gestellt hat. Die Stelle, auf der das Datum steht, war &#252;berklebt worden, denn es handelt sich um eine wiederkehrende Veranstaltung, bei der nur das Datum sich &#228;ndert, der Rest aber gleich bleibt. Was ist der Rest?<span id="more-4592"></span></p>
<p>Der Rest, das sind gesperrte Stra&#223;en in einem an Sonntagen &#252;blicherweise maustoten Ortszentrum. Der Einzelhandel h&#228;lt die L&#228;den ge&#246;ffnet, in den Stra&#223;en werden Buden aufgestellt, in denen es zu kaufen gibt, was die ganze Woche &#252;ber in den Gesch&#228;ften angeboten wird. Zus&#228;tzlich aber gibt’s gegrillte H&#228;hnchen, S&#252;&#223;igkeiten, und vor allem Ramsch von H&#228;ndlern, deren Gesch&#228;ftsr&#228;ume an den Anh&#228;ngerkupplungen von Gel&#228;ndewagen herbeigeschafft worden sind. Die &#246;rtlichen Autoh&#228;user werden die neuesten Fahrzeuge zur Schau stellen und dadurch viel zum Auflauf betragen, der den Ort beleben wird.</p>
<p>Es wird die wohlige Mischung aus Konsum-Tagtr&#228;umen, pomadigem Sonntagsflanieren und dem einen oder anderen Kauferlebnis sein, der die Leute aus den Wohnungen treibt – ein Sonntagsspaziergang, dem die Warenparade zu ein wenig Abwechslung verhilft.</p>
<p>»Verkaufsoffene Sonntage« sind eine feste Einrichtung geworden, Manifestationen eines Elends, das viele als einen Gewinn verstehen. Der Gewinn ist, dass das Notwendige (der Sonntagsspaziergang der Familie) mit dem Angenehmen (dem Einkaufen und Schaufensterbummeln) verbunden werden kann. Wie sch&#246;n! Der heimische Handel kommt zu unaufwendiger Werbung, die Gemeinde kann damit gl&#228;nzen, dass wieder einmal etwas los ist. Toll!</p>
<p><strong>Die Verflachung der Woche zu einem gleichm&#228;&#223;igen See von Zeit</strong></p>
<p>»Verkaufsoffene Sonntage« waren die Vorboten f&#252;r das, was jetzt im gro&#223;en Stil &#252;ber uns kommen soll, n&#228;mlich die g&#228;nzliche Aufhebung der festen Ladenschlusszeiten. Wir blicken der totalen Freiheit entgegen, einkaufen zu k&#246;nnen, wann immer wir dazu Lust haben. Und Lust haben wir eigentlich immer, nur eben nicht immer genug Geld. Man m&#246;chte einwenden, dies alles sei ein grober Unfug, der die Menschen ihrer letzten Strukturen beraube – der die Verflachung der Woche zu einem gleichm&#228;&#223;igen See von Zeit bedeute, ohne den Wechsel von Aufbruch, Aktivit&#228;t und Erholung. Das sei doch praktisch, was gebe es dagegen zu sagen?</p>
<p>Die Entwicklung, die von der FDP im Zeichen der Befreiung des Lebens von Zw&#228;ngen nun wieder einmal »angedacht« wurde, ist so vorhersehbar wie schl&#252;ssig, auch ohne ideologischen &#220;berbau: In ihr vollzieht sich der letzte Schritt der Synthese von Freizeit und Konsum. Leute, denen es langweilig ist, versprechen sich Belebung durch Schaufensterbummeln, gleichg&#252;ltig, ob vor den realen Gesch&#228;ften oder den virtuellen im Internet. Irgendwas findet sich doch immer, das man haben m&#246;chte, und oft genug kommt man durch die Konfrontation mit dem Angebot erst darauf, was es ist. Schaufenster beleben die Fantasie: Wie toll s&#228;he man in diesem Kleid aus oder mit dieser schicken neuen Tasche oder in diesem Auto. Die Warenwelt erzieht uns f&#252;r die wahre Welt, hier erfahren wir, wie wir zu sein haben. Und wer seine Arbeit noch hat und es sich deshalb leisten kann, dessen Gedanken kreisen um die Dinge, die er noch nicht hat, vielleicht aber bald haben k&#246;nnte. Die W&#252;nsche zerren ihn voran, und er hechelt hinterher, auf dem Weg zu neuen W&#252;nschen und immer neuen. Die Lebensform unserer Gesellschaft ist – nein, nicht das Haben – das Haben-Wollen. W&#228;re das nicht so, so hielte jeder einen verkaufsoffenen Sonntag f&#252;r einen alten Hut und f&#252;r den Diebstahl von Lebenszeit. Aber bevor man ganz unt&#228;tig herumsitzt, kann man es ja ein wenig mit dem W&#252;nsche-Z&#252;chten versuchen. Weiterwachsen werden sie dann schon von allein.</p>
<p><strong>Die zwei Kreisl&#228;ufe des Lebens</strong></p>
<p>In der Welt hat der Mensch seinen festen Platz: Er ist da, um etwas zu erwerben, es dann zu verbrauchen oder zu zerst&#246;ren (auch das Aus-der-Mode-Kommen ist eine feine Form der Zerst&#246;rung) und es sodann zu ersetzen oder etwas Neues zu erwerben. Das ist der Kreislauf des Lebens im Kleinen, und damit verbringen wir die Zeit, die uns der Kreislauf des Lebens im Gro&#223;en zwischen Geburt und Tod zubilligt.</p>
<p>Nat&#252;rlich, man k&#246;nnte am Sonntag von der Stadt aus, statt sich ins Gew&#252;hl eines »verkaufsoffenen Sonntags« zu begeben, auch mit der <em>Oberlandbahn</em> nach Lenggries fahren, auf das Seekarkreuz steigen und sp&#228;ter von der H&#252;ttenterrasse aus von weitem der Isar beim Flie&#223;en zusehen, ganz entspannt, ja angenehm m&#252;de. Da schliche sich dann vielleicht in diese angenehme M&#252;digkeit der Gedanke, dass es zwei Welten gibt: die der Getriebenen einerseits und andererseits die der Freien, die frei sind, weil sie beispielsweise nicht erst von festen Einkaufszeiten befreit werden m&#252;ssen. Und man muss gar nicht daf&#252;r k&#228;mpfen, zu den Freien zu geh&#246;ren. Man hat einfach die Wahl.</p>


<p>No related posts.</p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/Futura9/~4/CbRIJUkKjqc" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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		<title>Mit Herzblut geschrieben</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Nov 2009 08:04:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Graphologie]]></category>
		<category><![CDATA[Handschrift]]></category>

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		<description><![CDATA[Viele der Briefe, die deutsche Brieftr&#228;ger heute noch austragen, werden wohl Rechnungen sein und Botschaften, die lautlos aus einem Drucker glitten, nachdem sie vorher auf einer Tastatur entstanden waren (wie diese Zeilen hier). Die Handschrift geh&#246;rt zu den potenziellen Verlustartikeln im heutigen Gesch&#228;ft. Sie wird verlernt. Der Niedergang begann schon mit der Erfindung der Schreibmaschine. [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4496" class="wp-caption alignleft" style="width: 550px"><img class="size-full wp-image-4496" title="raffael_manfred_poser" src="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/raffael-1.JPG" alt="Die Schrift des Malers Raffael (1483-1520)" width="540" height="254" /><p class="wp-caption-text">Die Schrift des Malers Raffael (1483–1520)</p></div>
<p>Viele der Briefe, die deutsche Brieftr&#228;ger <a href="http://futura9.de/2009/11/02/tod-mit-verspaetung/" target="_blank">heute noch austragen</a>, werden wohl Rechnungen sein und Botschaften, die lautlos aus einem Drucker glitten, nachdem sie vorher auf einer Tastatur entstanden waren (wie diese Zeilen hier). Die Handschrift geh&#246;rt zu den potenziellen Verlustartikeln im heutigen Gesch&#228;ft. Sie wird verlernt. Der Niedergang begann schon mit der Erfindung der Schreibmaschine. Fr&#252;her, als das Schreiben mit der Feder noch gepflegt wurde, verriet das Schriftbild sogar den Charakter, kann man das glauben?<span id="more-4495"></span></p>
<p>Der Mannheimer Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn, kurz Freiherr von Drais, erfand und baute nicht nur das Veloziped, mit dem er 1817 eine erste Ausfahrt im Nordbadischen unternahm, sondern vier Jahre sp&#228;ter die erste Schreibmaschine unseres Landes. So richtig setzten sich die Ger&#228;te – Fahrrad wie Schreibmaschine – erst viel sp&#228;ter durch. 1874 kam die Remington, 1897 die ber&#252;hmte Underwood. Nietzsche soll schon eine Schreibmaschine besessen haben. H&#228;tte er noch dazu ein Fahrrad gehabt, w&#228;ren seine Traktate vielleicht weniger hitzig ausgefallen.</p>
<p>Doch das 19. Jahrhundert war noch die Zeit von Federkiel und sp&#228;ter von F&#252;llhalter. In Frankreich untersuchte das Universalgenie Jean-Hippolyte Michon (1806–1881) 30 Jahre lang von der menschlichen Hand geschriebene Zeilen und baute eine Charakterkunde darum auf. Das wei&#223; ich, weil ich mir mit 15 Jahren aus unerfindlichen Gr&#252;nden ein Buch &#252;ber Graphologie w&#252;nschte. Ich bekam das »System der Graphologie« von Michon, eine deutsche Ausgabe aus dem Jahre 1964, &#252;bersetzt nach der 11. Auflage der franz&#246;sischen Fassung. Die Leute, deren Schriftbeispiele abgedruckt waren, sagten mir wenig, es waren franz&#246;sische Gelehrte und auch ein paar K&#246;nige.</p>
<p>Auch wenn heute die Graphologie nicht mehr viel gilt, war es f&#252;r den Jugendlichen trotzdem spannend. Da waren die alten Postkarten der Verwandten und Briefe von Kunden, und wenn der Betreffende einem nicht recht bekannt war, konnte man eine kleine Charakteranalyse erstellen und fragen, ob sie zutraf. Also analysierte ich mit Lupe und Lineal (es ging oft darum, ob die Linien ansteigen oder abfallen) Schriften. Der Strich des <strong><em>t</em></strong> verriet angeblich etwas &#252;ber Willenskraft; es war wichtig, ob die Buchstaben verbunden waren oder nicht, rund oder eckig, gro&#223; oder klein. Winzig klein und geschlossene Buchstaben hie&#223; immer: Da ist jemand verschwiegen. Und ob eine Schrift harmonisch oder h&#228;sslich ist, sieht man sofort. Auf die Art, wie wir etwas tun, dr&#252;ckt sich aus, wie wir sind.</p>
<p>Heute findet man im Briefkasten kaum mehr Material, au&#223;er, eine 80-j&#228;hrige Bekannte schickt ein paar akkurat geschriebene Zeilen, die aussehen wie gedruckt. Wenn etwas unharmonisch wirkt, hei&#223;t das nur, dass der oder die Betreffende au&#223;er &#220;bung ist. Auch ich selber schreibe selten Briefe. Man hat so viel Zeit und dann doch keine. Es ist, als s&#228;&#223;e einem ein M&#228;nnlein im Nacken und schiebe einen vor den Monitor, lege einem ein Buch hin, dr&#228;nge einen, Kaffee zu kochen. Aber die sch&#246;nen F&#252;llhalter sind da und werden benutzt – der <em>Cartier</em>, der <em>Montblanc</em> und der alte <em>Senator</em> –, und mit dem <em>TK-Stift</em> macht man die Schnellnotizen. Was das f&#252;r Leute sind, die mir schreiben, muss ich eben wie immer aus ihren Formulierungen entnehmen, der Art ihrer Darstellung, ihrem »Stil«, und der verr&#228;t auch eine Menge.</p>
<p>Es war Nietzsche, der darauf hinwies, dass die abstrakten Begriffe aus konkreten abgeleitet worden seien. Der Stil zum Beispiel komme vom franz&#246;sischen <em>Stylo</em>, dem F&#252;llhalter. Hoffentlich hat er die betreffende Notiz auch mit der Hand gemacht und nicht mit der Schreibmaschine.</p>


<p>No related posts.</p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/Futura9/~4/FMNBO4komVA" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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		<title>Ach, Bücher …</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Nov 2009 08:00:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Krämer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Moderne Zeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Kommerz]]></category>
		<category><![CDATA[Verlage]]></category>

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		<description><![CDATA[Alles, was in unseren K&#246;pfen ist, landet irgendwann in unseren B&#252;chern. Aus diesen ziehen es dann andere wieder heraus, nehmen es als Anregung oder Material, f&#252;llen damit ihre K&#246;pfe. Und alles, was in diesen K&#246;pfen sein wird, wird irgendwann wieder in B&#252;chern gesammelt werden. B&#252;cher sind die Ziegelsteine unserer Kultur. Aus ihnen entsteht die Welt, [...]


No related posts.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Alles, was in unseren K&#246;pfen ist, landet irgendwann in unseren B&#252;chern. Aus diesen ziehen es dann andere wieder heraus, nehmen es als Anregung oder Material, f&#252;llen damit ihre K&#246;pfe. Und alles, was in diesen K&#246;pfen sein wird, wird irgendwann wieder in B&#252;chern gesammelt werden. B&#252;cher sind die Ziegelsteine unserer Kultur. Aus ihnen entsteht die Welt, wie sie ist und wie sie sein wird. Eine unangebrachte Verbeugung?<span id="more-4506"></span></p>
<p>B&#252;cher, so die andere Seite der Medaille, sind nichts weiter als Waren. Und nach nicht allzu langer Zeit f&#252;llen sie nicht mehr K&#246;pfe, sondern die blauen Altpapiertonnen. Autoren schreiben und recherchieren Texte gegen Bezahlung. Lektoren m&#252;hen sich als Handlanger von Vertriebsabteilungen, geduckt unter Bilanzen. Redakteure feilen an den Konturen im Dienst des G&#246;tzen Einheitlichkeit. Und Verleger sind Unternehmer mit Index »ganz gew&#246;hnlich«. Das klingt nicht ganz so edel wie das, was die Genannten &#252;ber sich selbst und ihre Beweggr&#252;nde erz&#228;hlen w&#252;rden, hat jedoch den Charme des Faktischen.</p>
<p>In der Buchbranche ist seit l&#228;ngerem ein Konzentrationsprozess im Gang, der sich im letzten Jahrzehnt erheblich versch&#228;rft hat. Wenige gro&#223;e H&#228;user gehen systematisch daran, mittelgro&#223;e Unternehmen vom Markt zu verdr&#228;ngen. Kleinverlage spielen keine Rolle, denn sie machen in der Regel mehr Arbeit als Geld und sind als Beute uninteressant. Die Folge dieser Entwicklung ist, dass es unter den namhaften Publikumsverlagen nur noch sehr wenige gibt, die nicht als so genannte Imprint-Verlage einem Konzern angeh&#246;ren und in dessen Marktstrategie die ihnen zugewiesene Rolle spielen.</p>
<p>Die Konzerne denken ausschlie&#223;lich in Auflagenh&#246;hen. Gemacht wird, was gro&#223;en Absatz verspricht. &#220;ber den Begriff »Mischkalkulation« hat zu spotten, wer als Profi gelten will. (Mischkalkulation bedeutet, aus den Erl&#246;sen der gut gehenden Titel die wichtigen, jedoch kommerziell weniger erfolgreichen zu st&#252;tzen.) Von einer Programmpolitik im traditionellen Sinn kann auch bei gr&#246;&#223;tem Wohlwollen nicht mehr die Rede sein – der »Trend«, wo auch immer man ihn zu ersp&#252;ren glaubt, nimmt sie als Geisel.</p>
<p><strong>Die wirkliche Welt</strong></p>
<p>Ein Heer von Agenten grast zu diesem Zweck aller Herren L&#228;nder nach bestsellertauglichem Stoff ab, Buchmessen – wie hierzulande die beiden gro&#223;en in Frankfurt und Leipzig – fokussieren die Aufmerksamkeit der Branche. Das ist der Kern des Gesch&#228;fts, die wirkliche Welt. Im Nebenuniversum der Feuilletons und Literatursendungen wird diese wirkliche Welt konsequent ignoriert, denn dort wird – Verlagsleute, die etwas auf sich halten, empfinden das bezeichnenderweise wirklich als welt-fremd – &#252;ber die <em>Inhalte</em> der B&#252;cher geredet. Wer als Lektor ausprobieren will, wie sich der Tritt in ein Fettn&#228;pfchen anf&#252;hlt, der rede in einer Vertreterkonferenz von der »Qualit&#228;t eines Textes« oder vom »literarischen Potenzial eines Autors«.</p>
<p>Die Verlagswelt macht also kein gutes Bild. Die wirklichen Strippenzieher in diesem Gesch&#228;ft aber sind die Buchhandelsketten. In einem vielbeachteten <a title="Birk Meinhardt: An der Kette" href="http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/487972" target="_blank">Zeitungsbeitrag</a> &#252;ber den Gro&#223;buchh&#228;ndler <em>Thalia </em>und dessen marktbeherrschende und -ver&#228;ndernde Stellung machte j&#252;ngst der Journalist Birk Meinhardt publik,¹ was in der Branche viele wissen und alle &#252;brigen ahnen: Nicht Verlage, sondern die gro&#223;en Vertriebsketten bestimmen mittels einer rigiden, ausschlie&#223;lich an kommerziellen Kriterien orientierten Gesch&#228;ftspolitik, was auf den Tisch kommt. Und die Verlage f&#252;gen sich, und sie f&#252;gen sich zu Lasten der Kultur der zahllosen kleinen, zumeist fachlich sehr kompetent gef&#252;hrten Buchhandlungen im Land, r&#228;umen den Gro&#223;en Sonderkonditionen ein, die eigentlich die Kleinen br&#228;uchten, wollten diese &#252;berleben. Dass sie sich genau dadurch in noch gr&#246;&#223;ere Abh&#228;ngigkeit begeben, scheinen sie zu verdr&#228;ngen.</p>
<p><strong>Vielleicht nur eine Atempause</strong></p>
<p>An den B&#252;chern zeigt sich, wohin unser aller Reise gehen wird: Ob etwas »gut« ist oder »schlecht«, das verr&#228;t k&#252;nftig ausschlie&#223;lich der Blick auf die Rendite. Gleichg&#252;ltig, ob es um Umweltschutz geht, um die Betreuung Alter oder die F&#252;rsorge f&#252;r wirtschaftlich Gestrandete, die Ausweisung von Gewerbefl&#228;chen oder den Einsatz von genetisch ver&#228;nderten Saaten – immer stellt sich die Frage: schwarz oder rot (hatten wir das nicht erst <a title="Manfred Poser: Ich sehe rot" href="http://futura9.de/2009/11/04/ich-sehe-rot/" target="_blank">gestern?</a>)?, und gemeint sind die Vorzeichen in den Bilanzen. <em>Rot</em> bedeutet Gefressen-Werden, rollende K&#246;pfe im mittleren Management und Personalabbau, <em>schwarz</em> bedeutet vielleicht Fressen, vielleicht aber auch nur eine Atempause.</p>
<p>Was nicht massenkompatibel ist, geht umgehend den Weg alles Irdischen – der Massengeschmack, die Suche, ja die Sucht nach dem einfach zu begreifenden Spektakel ist die Profession von Leuten, die es besser w&#252;ssten und besser wissen: Lektoren handeln gegen ihre Vernunft und gegen besseres Wissen, Typografen gestalten B&#252;cher zu einem visuellen Einheitsbrei und nach denselben Mustern, nach denen Industriedesigner so vieles gestalten, n&#228;mlich auf einen schnell erfassbaren visuellen Reiz hin, ohne R&#252;cksicht auf funktionale &#220;berlegungen oder Kontexte. Wider besseres Wissen auch sie. B&#252;cher werden (ich sage h&#246;flichkeitshalber: in der gro&#223;en Mehrzahl) nach »Rezepten« produziert – Autoren werden inhaltlich, dramaturgisch und sprachlich in Schemata gepresst, bei der Titelformulierung hat die Vertriebsabteilung ein Mitsprache-, wenn nicht ein Vetorecht.</p>
<p><strong>Dazu d&#252;stere Blicke aus dem Vertrieb …</strong></p>
<p>Nat&#252;rlich, die »gro&#223;e« Literatur hat ihre Refugien, die Grass’, Kluges, Walsers verf&#252;gen &#252;ber ausreichende Macht zum Selbstschutz. Dahinter aber haben wir es mit einer Welt zu tun, in der Experimentierfreude, sprachliche Souver&#228;nit&#228;t und Lust an narrativer Ausschweifung beruflichen Selbstmordversuchen gleichkommen. (Ich meine keineswegs spektakul&#228;res Rabaukentum, denn das w&#228;re ja schon wieder systemkonform, da vermutlich <a title="Helmut Kr&#228;mer &#252;ber den Wort-Sticker &quot;geil&quot;" href="http://futura9.de/2009/10/05/wie-das-geile-kam-und-nicht-mehr-ging/" target="_blank">»geil«</a>.) Kafkas, Marais, Marquez’, Austers, Foers blieben in dieser Welt unbeachtet und Fremdlinge, wenn nicht gar Schreckgespenster. »Wer soll das lesen?« w&#228;re die erste Frage, und »Wie soll man so etwas verkaufen?« die zweite. Dazu d&#252;stere Blicke aus dem Vertrieb, aus der Besprechungsabteilung, von den Werbeleuten.</p>
<p>Lektor zu sein, das w&#228;re ein sch&#246;ner Beruf, und B&#252;cher zu gestalten ebenfalls. Wie &#252;berhaupt alles ein sch&#246;ner Beruf w&#228;re, dessen vornehmlicher Sinn es ist, <em>Gutes zu machen</em> zu sein oder <em>das Richtige</em>. Nicht zuerst rentabel, spektakul&#228;r, bahnbrechend, genial.</p>
<p><strong>Lektor, das ist ein kaufm&#228;nnischer Beruf!</strong></p>
<p>Kein Bedarf? Dachte ich mir schon … Dabei bin ich ein Kind meiner Zeit, habe mir den Satz des ersten Verlegers, f&#252;r den ich gearbeitet habe, eingepr&#228;gt und ihn mir zu Eigen gemacht: »Lektor, das ist ein kaufm&#228;nnischer Beruf!« Das bedeutet: Termine m&#252;ssen gehalten werden, Vertr&#228;ge befolgt; Kalkulationen sind die oberste Richtschnur; Sorgfalt ist die eine Bedingung, von allen lernen zu wollen eine weitere; und ein integrativer Anspruch ist kein Zeichen von Schw&#228;che! Wo also liegt mein Problem? Ich &#252;berlasse Birk Meinhardt die Erkl&#228;rung:</p>
<p>»Das Buch, das immer auch eine Ware war, ist bei Thalia zur ausschlie&#223;lichen Ware geworden. Die obersten Verk&#228;ufer sehen vollkommen von deren Inhalt ab.« – Ist das schlecht? Es ist die Zukunft!</p>
<h6>¹ ver&#246;ffentlicht von der S&#252;ddeutschen Zeitung (»An der Kette« [http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/487972])</h6>
<p><a href="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/Ach_Buecher1.pdf"></a><a href="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/Ach_Buecher.pdf">Diesen Beitrag als PDF-Datei anzeigen</a></p>


<p>No related posts.</p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/Futura9/~4/17xjc2YAPcc" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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		<title>Ich sehe rot</title>
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		<pubDate>Wed, 04 Nov 2009 08:14:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[rot]]></category>
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		<description><![CDATA[Ich sehe rot. Ich mag mich t&#228;uschen, aber ich sehe immer &#246;fter rot. Leuchtend rote Golf-Automobile rollen &#252;ber die Stra&#223;en oder stehen herum. Szene-Kneipen lieben W&#228;nde mit hingetuschtem Orangerot, Turnschuhe sind rot. Da und dort leuchtet sogar ein stolz hochrot angestrichenes Haus. Rote K&#252;chen waren vor zehn Jahren noch verp&#246;nt, jetzt sieht man sie h&#228;ufig. [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4572" class="wp-caption alignleft" style="width: 550px"><img class="size-full wp-image-4572" title="zug_manfred_poser_n" src="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/zug_manfred_poser_n.jpg" alt="Der rote Pfeil auf Italiens Schienen" width="540" height="320" /><p class="wp-caption-text">Der rote Pfeil auf Italiens Schienen</p></div>
<p>Ich sehe rot. Ich mag mich t&#228;uschen, aber ich sehe immer &#246;fter rot. Leuchtend rote Golf-Automobile rollen &#252;ber die Stra&#223;en oder stehen herum. Szene-Kneipen lieben W&#228;nde mit hingetuschtem Orangerot, Turnschuhe sind rot. Da und dort leuchtet sogar ein stolz hochrot angestrichenes Haus. Rote K&#252;chen waren vor zehn Jahren noch verp&#246;nt, jetzt sieht man sie h&#228;ufig. Und wie stolz trug doch Franz M&#252;ntefering am Wahlabend im Fernsehen noch seine rote Krawatte!<span id="more-4320"></span></p>
<p>Die Regionalz&#252;ge, die durchs Land brausen (oder eher zuckeln), sind rot. Die Italiener haben ihrem gr&#252;nen »Eurostar« ein Flaggschiff zur Seite gestellt, den »Roten Pfeil« (la freccia rossa). Rot ist nicht zu &#252;bersehen. Meine Mutter sagt mit Vorliebe, Rot sei »lebensbejahend«. Das ist es wohl. Es gibt lebensbejahende Menschen mit roten Brillen und Menschen mit roten Haaren. Radfahrer tragen rote Regenjacken.</p>
<p>In dieser Saison ist Rot im Trend. Die Farbe ist dran, die Palette hatte sich ein St&#252;ck weitergedreht. Lila ist auch modern. Woher wei&#223; man das? Der Katalog des Versandhauses Quelle scheidet aus als Informationsquelle f&#252;r das, was trendig ist. Steht der Trend in den Auslagen der Gesch&#228;fte, schmiegt er sich eng an die Konturen der Nachbarin? Jedenfalls ist Rot nicht ganz alleine »im Trend«, sondern in Kombination mit Schwarz. Eins oben, eins unten. (Bei den Autos hat&#8217;s Rot noch schwer; acht schwarze Autos stehen bei mir vor dem Haus, und zwei rote.)</p>
<p>Der franz&#246;sische Romancier Stendhal (alias Henri Beyle, 1783–1842) thematisierte schon in seinem Roman »Rot und Schwarz« (<em>Le Rouge et le Noir</em>, 1830) diesen Antagonismus; bei ihm aber war rot der Rock des Soldaten, schwarz die Soutane des Priesters, es ging um Klerus und Wehrstand, und eine Kombination war denkbar h&#246;chstens in der Gestalt des Milit&#228;rpriesters. Krzysztof Kieslowski drehte drei Filme um die Farben Rot, Wei&#223; und Blau, die f&#252;r die Nationalfarben seines Exillandes Frankreich standen.</p>
<p>»Rot ist immer die Farbe der Liebe und der Leidenschaft, da gibt es nichts zu diskutieren«, sagte mir b&#252;ndig eine Italienerin; da diskutieren wir auch nicht. Die Liebesg&#246;ttin Aphrodite tr&#228;gt einen roten Mantel, die r&#246;mische Braut einen roten Umhang, das »flammeum«. Andererseits sollte man bei Bewerbungsgespr&#228;chen nicht in Rot aufkreuzen, das wirkt zu aggressiv. Doch ein bisschen auffallen wird man wohl noch d&#252;rfen, und wenn es mit der Kleidung ist. Und dann sitzt man mit roter Jacke im roten Golf, und die Ampel springt auf Rot. Das Rot zwingt zum Halt, und dabei hatten wir doch gerade, unser Leben bejahend, ins Morgenrot hineinfahren wollen.</p>


<p>No related posts.</p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/Futura9/~4/3YmwAMobKGw" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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		<title>Wie die Geier</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Nov 2009 08:23:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Krämer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geld oder Leben!]]></category>
		<category><![CDATA[Pleite]]></category>
		<category><![CDATA[Quelle]]></category>
		<category><![CDATA[Schnäppchen]]></category>

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		<description><![CDATA[Jetzt ist die Quelle also in der Gegenwart angekommen. Das Versandhaus, das den Internet-Boom angeblich verschlafen hatte und sich deshalb wirtschaftlich von dieser Welt verabschieden musste, ist seit dem vergangenen Sonntag online wie nie zuvor. Die Quelle-Insolvenz ist so etwas wie der Untergang der deutschen Einzelhandels-Titanic. In 1200 Filialen (»Shops«) und einigen Dutzend Technik-Centern (»Technik [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p>Jetzt ist die <em>Quelle </em>also in der Gegenwart angekommen. Das Versandhaus, das den Internet-Boom angeblich verschlafen hatte und sich deshalb wirtschaftlich von dieser Welt verabschieden musste, ist seit dem vergangenen Sonntag <em>online </em>wie nie zuvor. Die <em>Quelle</em>-Insolvenz ist so etwas wie der Untergang der deutschen Einzelhandels-Titanic. In 1200 Filialen (»Shops«) und einigen Dutzend Technik-Centern (»Technik Centern«) werden nun die Lager ger&#228;umt.<span id="more-4431"></span></p>
<p><em>Als ich vor die Haust&#252;r trat, lagen &#252;berall Federn – kleine flauschige, auch gro&#223;e schwarz-braune –, und da und dort ein zartes Tr&#246;pfchen Blut. An der Gartent&#252;r dann der Vogelkadaver mit grotesk verrenkten Fl&#252;geln, dem verdrehten K&#246;pfchen und mit einem aufgerissenen Brustkorb: Die Amsel war unvorsichtig gewesen, die Katze schnell.</em></p>
<p>18 Millionen Artikel werden angeboten, zu Nachl&#228;ssen von zehn bis drei&#223;ig Prozent. Die Mutter aller Schlussverk&#228;ufe offenbar. Das Volk ist in Unruhe, aber es ist in Unruhe aus dem falschen Grund. Denn es ist nicht so, dass viele Zeitgenossen sich hier mit dem schemenhaften Aufgl&#252;hen des eigenen Schicksals konfrontiert s&#228;hen, dass sie begriffen, wie tr&#252;gerisch das Gef&#252;hl sein kann, in diesem Land eine feste Anstellung zu haben. Nein, dieses Gef&#252;hl will sich nicht einstellen, und eingestehen will sich die Sorgen auch niemand: Nokia, Opel, Rosenthal, Nachtmann – alles Einzelf&#228;lle …</p>
<p>Das Volk ist vielmehr in Unruhe, weil die <em>Quelle</em>-Server unter dem Ansturm der Besteller in die Knie gehen. (Also auch die Server.) Man k&#246;nnte zu kurz kommen … Die Schn&#228;ppchenj&#228;ger gehen um; 2,4 Millionen Klicks z&#228;hlte die Internet-Seite des bankrotten Versandhauses am ersten Tag. »Die st&#228;rkste Stunde war die zwischen 23 und 24 Uhr mit &#252;ber 5100 Bestellungen«, wusste der »Sprecher des [sprachlosen?] Insolvenzverwalters«: Die Pleite hat also ihren eigenen Conférencier – welch ein Event! Und ist es nicht faszinierend, welche Anl&#228;sse die Menschen vom Schlaf abhalten?</p>
<p>Was besch&#228;ftigt die Leute derzeit? Wer das wissen will, kann sich bei Google grob informieren: 3.780.000 Ergebnisse bietet die Suchmaschine f&#252;r »Arbeitslosigkeit«, 15.600.000 f&#252;r »Einkaufen«, 10.400.000 f&#252;r »Schn&#228;ppchen« und 138.000.000 f&#252;r »Afghanistan«. Die »Schweinegrippe« verliert, wie es scheint, derzeit an Boden: 26.100.000. Wer sich &#252;ber die »Quelle Insolvenz« informieren m&#246;chte, findet gerade einmal 571.000 Ergebnisse – wie es aussieht, haben die Menschen in diesem Land weitgehend, was sie zum Leben brauchen. Doch das hindert viele unter ihnen offenbar nicht daran, auch f&#252;r Dinge ihr Geld auszugeben, die sie nicht brauchen – einzige Voraussetzung: es sei ein Schn&#228;ppchen!</p>
<p>Das Schn&#228;ppchen ist das fl&#252;chtige Troph&#228;e der Triebkonsumenten. W&#228;hrend der Snob seinen Status dadurch zur Schau stellt, dass er teure Dinge kauft, ohne dar&#252;ber zu reden, zeichnet es den Spie&#223;b&#252;rger aus, dass er zum Thema macht, wie viel er ausgegeben hat. &#220;ber beiden thront die vergleichsweise junge Spezies des Schn&#228;ppchenj&#228;gers, der alles kauft, wenn es nur reduziert ist. F&#252;r W&#252;hltisch-Desperados dieser Art werden Insolvenzen wie die von <em>Quelle </em>zum Jahresh&#246;hepunkt.</p>
<p><em>Wohin mit den Amsel-&#220;berresten? Ich holte die Schaufel, lud die instabile Masse des halb ausgeweideten Vogels darauf, betrachtete mitleidig die leere Augenh&#246;hle hinter dem keck in die H&#246;he zeigenden Schnabel und trug all das aufs Feld hinter dem Garten. Aus Erfahrung wei&#223; ich: Beerdigung nicht erforderlich; kaum war ich im Haus, kamen die Raben und die Elstern, und in wenigen Minuten war alles erledigt und die von der Katze verlassene Halb-Amsel ein Teil der tierischen Nahrungskette. Aus und vorbei!</em></p>
<p>Bei der <em>Quelle </em>muss alles raus. Die Kunden, die zuvor keine Kunden gewesen waren, klicken sich jetzt zur Endverwertung durchs Angebot. Bis zu drei&#223;ig Prozent billiger! Welche Gelegenheit! Der eine Teil der Belegschaft sieht von drau&#223;en zu, wie der andere bis zur Ersch&#246;pfung das eigene berufliche Grab aushebt.</p>
<p>Das alte Management gef&#228;llt sich in unerbetenen Kommentaren wie dem, die Pleite w&#228;re abzuwenden gewesen. Auch ehemalige Konkurrenten, die »Mitbewerber« genannt werden wollen, filetieren in Gedanken bereits <em>Primondo</em>, wie der Konzern, zu dem <em>Quelle </em>geh&#246;rt, ebenso lautmalerisch wie sinnlos hei&#223;t. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod, und da ist jeder froh, wenn nicht er selbst es ist, den unternehmerische Fehlentscheidungen und ungl&#252;ckliche Umst&#228;nde dahingerafft haben. Die Politiker sieht man um die rhetorischen Notausg&#228;nge schleichen, versch&#228;mt und mitunter auch schon wieder gro&#223;sprecherisch und belehrend. Dabei ist es in der Tat nicht ihre Aufgabe, alle wirtschaftlichen Einzelkatastrophen mit dem Geld aller zu entsch&#228;rfen. Allerdings w&#228;re man gl&#252;cklich, wenn man aus ihrem Mund erf&#252;hre, dass die Summe all dieser Einzelkatastrophen die eingebaute Katastrophe unserer wirtschaftlichen Strukturen ist. Opel und <em>Quelle</em> sind Symptome, die Krankheit sind sie nicht.</p>
<p>Amsel oder <em>Quelle </em>– es ist traurig, dass derlei Dinge zum Leben geh&#246;ren. Ein besseres Management, weniger &#220;berheblichkeit, eine verantwortungsvollere Politik, eine tr&#228;gere Katze. Und alles w&#228;re halb so schlimm.</p>
<p><a href="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/Wie_die_Geier.pdf"></a><a href="http://futura9.de/wp-content/uploads/2009/11/Wie_die_Geier1.pdf">Diesen Beitrag als PDF-Datei anzeigen</a></p>


<p>No related posts.</p><img src="http://feeds.feedburner.com/~r/Futura9/~4/AXMh7jXjkQg" height="1" width="1"/>]]></content:encoded>
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